Eine Szene aus dem Film "Salafistes" © Francois Margolin

Kaum eine Woche, nachdem islamistische Terroristen Paris das zweite Mal innerhalb eines Jahres heimgesucht hatten, stürmten bewaffnete Glaubenskrieger das Radisson-Blu-Hotel in Malis Hauptstadt Bamako. Gemeinsam mit französischen und amerikanischen Spezialeinheiten konnten örtliche Einsatzkräfte die Geiselnahme nach stundenlangen Gefechten beenden. In Paris wurden 130, in Bamako mindestens 20 Menschen ermordet.

Diese Ereignisse bilden den zeitgeschichtlichen Resonanzboden für Salafistes, einen Dokumentarfilm, der vor den beiden Attentaten gedreht wurde. In diesem Januar kam er in die französischen Kinos und hat eine heftige Debatte ausgelöst: Darf man die radikale Herrschaft der Salafisten und auch die Umsetzung ihrer Scharia-Gesetzgebung so explizit, so blutig zeigen? Darf man zur Illustration des Schreckens Propagandamaterial des "Islamischen Staats" unkommentiert abbilden? Wie wahrheitsgetreu und wie manipulativ arbeiten die Filmemacher?

Der französische Regisseur und Produzent François Margolin und der mauretanische Journalist Lemine Ould Salem wollen mit ihrem Filmwachrütteln. Dass viele Franzosen die Gefahr des islamistischen Terrorismus verkennen würden, kann allerdings nicht behauptet werden. Die Intensivierung des Antiterrorkampfes, die Präsident Hollande ankündigte, und der von ihm verhängte Ausnahmezustand werden von einer Mehrheit der Bürger mitgetragen.

Gegen ein vermeintliches Schweigekartell

In Umfragen befürworteten bis zu 79 Prozent der Befragten eine Verlängerung des état d'urgence bis Mai. Salafistes richtet sich wohl kaum an diese Mehrheit, sondern hat sich ein vermeintliches Schweigekartell aus Medien, linken Intellektuellen und universitären Forschern – letztere versieht Margolin in Meinungsartikeln schon mal mit Anführungszeichen –, zur Zielscheibe gemacht. Diesen wird nachgesagt, islamophobe Auswüchse mehr zu fürchten als den Terror selbst. Damit der Groschen auch wirklich fällt, wurde ein Video vom Mord am Polizisten Ahmed Merabe in den Film integriert, der durch den Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo ums Leben kam.

In französischen Debatten hält sich ungeachtet dieses Stimmungsbildes das hartnäckige Gerücht, dass linke Intellektuelle die politische Renaissance des militanten Islam, die seit dem Ende des Ostblocks dem Weltgeschehen ihren Stempel aufdrückt, verschlafen hätten, ja sich nach wie vor weigern, diesem Phänomen mit der gebotenen Unbeugsamkeit ins Auge zu blicken.

Das stimmt nicht. Während andere noch ganz besoffen vom Untergang der Sowjetunion dem Ende der Geschichte zuwankten, warnte der Philosoph Félix Guattari 1992, kurz vor seinem Tod, vor den unabsehbaren Folgen des religiösen Fundamentalismus, der sich auf der arabischen Halbinsel, aber auch in den Staaten Nord- und Westafrikas rasant ausbreitete. "Hunderte Millionen Menschen" seien von dieser besorgniserregenden Entwicklung betroffen.  

Bewundernswerter Mut

Jean Birnbaum, leitender Kulturredakteur der Tageszeitung Le Monde, hat den Vorwurf, viele vermeintlich kritische französische Denker wichen dem Problem des Dschihadismus aus, ins Zentrum seines vielbeachteten Essays Un silence religieux gerückt. In eine ähnliche Kerbe schlug der französische Premierminister Valls, als er Akademiker und Intellektuelle abkanzelte, sie mögen doch weniger Zeit dafür aufwenden, den islamistischen Terror zu verstehen und etwas mehr, ihn effektiv zu bekämpfen. Margolin und Salem haben sich vorgenommen, mit Salafistes ein Dokument gegen die "Realitätsverweigerung" vorzulegen, welche ihrer Ansicht nach die öffentlichen Debatten zum Salafismus bestimmt.

Der Regisseur Margolin machte sich bereits mit L’Opium des Taliban einen Namen, einem Dokumentarfilm aus dem Jahr 2000, der den paradoxen wirtschaftlichen Grundlagen des afghanischen Gottesstaates nachging. Obwohl der Konsum von Opium im Koran untersagt ist, gingen bis zu 85 Prozent des globalen Heroinhandels auf Schlafmohn zurück, der in den von Taliban kontrollierten Gebieten angebaut wurde. Später dokumentierte Margolin den Bürgerkrieg in Libyen.

Die Ausgangssituation für Salafistes waren die politischen Entwicklungen in Mali, wo der überwiegende Teil des Dokumentarfilms spielt. Als die in dem Land allmählich außer Kontrolle gerieten, beschloss Margolin, sich die Lage genauer anzusehen. Doch die Situation war zu gefährlich. Viele der in Mali gedrehten Szenen des Films sind dem bewunderungswürdigen Mut des Co-Regisseurs Lemine Ould Salem zu verdanken, der in der Region gut vernetzt ist und so den Zuschauern einen Einblick in das Chaos vor Ort zu verschaffen konnte. Doch was war in Mali geschehen?

Die französische Intervention

Im März 2012 überrannten Rebellen die Stadt Gao; im April wurde die Scharia in Timbuktu eingeführt. Die Zentralregierung in Bamako hatte in kürzester Zeit die Kontrolle über ein Gebiet von der Größe Frankreichs verloren. Zwei Drittel des Landes, das für seine weltoffene Toleranz bekannt ist und in dem 90 Prozent der Bevölkerung Muslime sind, fiel in die Hände einer Allianz unter Führung der salafistischen Ansar Dine, die sich mit anderen Glaubenskriegern wie der Mujao, einem Al-Kaida-Ableger, und Al-Kaida im Maghreb zusammengeschlossen hatte.

Die Islamisten verboten Zigaretten, Alkohol und Musik. Frauen wurden gezwungen, den Hidschab zu tragen. Hunderttausende flohen vor der Gewaltherrschaft der neuen Machthaber. Kurz zuvor hatte das Militär zudem gegen den damaligen Präsidenten geputscht, angeblich weil der Amtsinhaber Amadou Touré nicht genug gegen den Tuareg-Aufstand unternommen habe. Während ihres folgenden Vormarsches soll die malische Armee äußerst brutal vorgegangen sein, sogar Gräueltaten werden ihr angelastet.