Langsam, bedrohlich schleicht sich der Tiger an und fällt mit weit aufgerissenem Maul über seine Beute her. Aus dem Bauch des sterbenden Hasen schießen rote Luftschlangen und eine Ketchupflasche spritzt eine eindrucksvolle Fontäne. Der neue Disney-Film Zoomania beginnt mit einer Schultheater-Aufführung. Die erzählt von einer längst vergangenen Zeit, zu der die Fauna noch in Raub- und Beutetiere unterteilt und so ein Hasenleben in der Nahrungskette nicht viel wert war. Heute hingegen leben in Zootopia alle Tiere friedlich miteinander, zivilisiert sozusagen, und keiner frisst mehr den anderen auf. Dennoch leben Ängste weiter. Einem Fuchs etwa ist aus Nagerperspektive immer noch nicht zu trauen und wenn Judy Hopps, ein tapferes Hasenmädchen mit Hang zum Streitschlichten, sich einem mobbenden Fuchsjungen entgegenstellt, dann zittert ihr Näschen heftig. Dennoch schafft die aufgeweckte Häsin es später über ein Sonderprogramm für Kleintiere auf die Polizeiakademie und als Jahrgangsbeste ins "Zootopia Police Department".

Nachdem er 2006 die künstlerische Leitung der Disney Animation Studios übernommen hatte, verpasste der Pixar-Mann John Lasseter zunächst der Märchensparte ein grundlegendes Update und schuf Rapunzel – neu verföhnt und Die Eiskönigin. Nun ist das mit Bambi, Dschungelbuch, König der Löwen und Bärenbrüder traditionsreich-abgenudelte Genre der Filme mit sprechenden Tieren dran. Eine Ära, von der man eigentlich hätte glauben können, sie sei endgültig vorbei. Aber nun kommt Zoomania und pflegt einen sehr entspannt-kreativen Umgang mit dem Erbe des Mouse-House. Vor der zoologischen Folie werden hier die wesentlichen Werte einer modernen, multikulturellen Gesellschaft verhandelt, die ihren eigenen Inklusionsansprüchen bei Weitem noch nicht gerecht werden.

An Judys erstem Tag als Quotenhase im Polizeipräsidium von Zootopia werden die Grenzen der Gleichstellung zwischen den Tiergattungen plastisch vor Augen geführt. Der Raum ist voll mit uniformierten Riesentieren: Eisbären, Nashörner, Tiger, Wasserbüffel fauchen und schnauben in dem engen Einweisungsraum und als die Nagerin auf ihren Stuhl hüpft, reichen gerade einmal die Ohren über die Tischkante. Klar, dass die Neue erst einmal zum Strafzettelschreiben abgestellt wird. Aber Judy lässt sich nicht abwimmeln und ergattert den Fall eines vermissten Otters, den sie innerhalb von 48 Stunden mit ihrem neu gewonnenen Fuchsfreund Nick zu lösen hat. Fortan verwandelt sich der Film in eine erstklassige Detektiv-Geschichte à la L.A. Confidental und dringt in die dunklen Ecken der glitzernden Multi-Spezies-Metropole vor, wo die Strippen von einer kriminellen Spitzmaus mit bester Don-Corleone-Diktion gezogen werden. Bald schon ist der gesellschaftliche Konsens des friedlichen Zusammenlebens über alle Gattungsgrenzen hinweg bedroht.

Verrückt ist daran vor allem, wie genau die Metaphorik von Zoomania auf den aktuellen Zustand unserer Gesellschaft passt. Pegida, die Silvestervorfälle in Köln, die Rückkehr und politische Ingebrauchnahme von Xenophobie und Rassismus – all das lässt sich hier mühelos auf die Folie eines vordergründig harmlosen Tieranimationsfilms projizieren, auch wenn die Macher wohl in erster Linie die multikulturellen Ansprüche ihrer US-Heimat im Blick hatten. Mit der kleinen Häsin, die sich tapfer gegen Stigmatisierungen stemmt, schafft der Film eine kindgerechte Identifikationsfigur, die im Verlauf der Geschichte unfreiwillig von der Diskriminierten zur Diskriminierenden wird. Anhand der fragilen Freundschaft zwischen Hase und Fuchs werden gegenseitige Vorurteilsstrukturen differenziert ausgeleuchtet. Mithilfe einer klassischen Komplott-Story zeigen sich die gesellschaftliche Dynamik und manipulative Kraft rassistischer Angstszenarien.

Das mag alles vollkommen überfrachtet und didaktisch klingen, doch Zoomania von den Regisseuren Byron Howard (Rapunzel – neu verföhnt) und Rich Moore (Die Simpsons) überzeugt zuallererst durch seine kreative Kraft. Sehenswert ist schon allein, was die Filmemacher während der Einfahrt des Zuges nach Zootopia aus dem Hut zaubern: Diese tierische Utopie ist ein Riesenbiotop mit Wüstenlandschaften, tropischem Regenwald, polaren Eiskulissen und moderner City, in der sich alle perfekt auf die Diversität ihrer Bewohner eingestellt haben – Nilpferd-Trocknungsanlage, Hamster-Röhren-Leitsysteme und Getränkeaufzug für lange Giraffenhälse inklusive. Nicht einmal die obligatorische Verfolgungsjagd langweilt, weil sie im Mäuseviertel ausgetragen wird, durch das die Hasenpolizistin wie ein gefährlicher Riese hoppelt. Der Film beherrscht die Kunst, seine Unmenge an kreativen Details zu einem sinnvollen, intelligenten Ganzen zu summieren. Zoomania bedient die Unterhaltungsbedürfnisse der jungen Zuschauer, während er sie gleichzeitig mit überraschenden Plotwendungen und unaufdringlichen Subtextangeboten herausfordert. Nach dem Oscar-Sieger Alles steht Kopf ist es ein weiterer herausragender Kinderanimationsfilm von Disney/Pixar.