Vier Jahre sind vergangen, seit Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Trauerfeier für die Opfer der rechtsextremen Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) versprach: "Wir tun alles, um die Morde aufzuklären und die Helfershelfer und Hintermänner aufzudecken und alle Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Daran arbeiten alle zuständigen Behörden in Bund und Ländern mit Hochdruck." Am 23. Februar 2012 sagte sie dies, und Merkel hat das vermutlich sogar ehrlich gemeint. Doch ihr Versprechen ist längst von der Realität überholt worden.

In einer Spielfilmtrilogie zum NSU hatte Das Erste nacheinander die Täter, die Opfer und die Ermittler betrachtet. Die Einschaltquoten waren eher schwach, den letzten Teil mochten nur knapp neun Prozent der Zuschauer sehen. Nach Untersuchungsausschüssen in immerhin sechs Landtagen und dem Bundestag, nach einem jahrelangen Prozess vor dem Oberlandesgericht in München und unzähligen Medienberichten scheint die Öffentlichkeit ermüdet. Und das Erschrecken, das nach dem Auffliegen des NSU im November 2011 und dem nach und nach bekannt gewordenen Behördenversagen die Öffentlichkeit erfasst hatte – es scheint verklungen.

Gut, dass die ARD sich trotzdem noch einen vierten, ganz anderen Film geleistet hat: die knapp einstündige Reportage Der NSU-Komplex, in der der ehemalige Spiegel- und heutige Welt-Chefredakteur Stefan Aust gemeinsam mit seinem Kollegen Dirk Laabs das Entstehen und die Taten der Terrorgruppe dokumentarisch nachzeichnen. Nach den drei Spielfilmen, die Fakten und Fiktion mischten, bleiben sie hart an der Realität. Die beiden Autoren stecken tief im Thema, Laabs ist einer der wenigen Journalisten, die etwa bei den Sitzungen des Bundestagsuntersuchungsausschusses zum NSU auch spät in der Nacht noch auf der Zuschauertribüne ausharren. Vor zwei Jahren hatten Aust und Laabs mit Heimatschutz das bisher wohl umfangreichste und gründlichste Buch zum NSU vorgelegt.

V-Leute stärkten die rechte Szene

Ihre Dokumentation startet zu Recht lange vor 1998, als Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe in den Untergrund gingen. Die Geschichte der Terrorgruppe und des Versagens der Sicherheitsbehörden begann nämlich viel früher, bereits direkt nach der Wiedervereinigung, als sich in Ostdeutschland eine militante, rassistische Jugendszene bildete. Nach dem Zusammenbruch der DDR herrschte teilweise ein staatliches Vakuum; Polizei, Justiz und Politik ließen den rechtsextremen Schlägern weiten Raum und verharmlosten das Problem. Reihenweise warb der Verfassungsschutz V-Leute an, die die Szene nicht destabilisierten, sondern sogar noch stärkten. Bis zu ihrem späten Verbot im Herbst 2000 konnte die Skinhead-Organisation Blood and Honour zu einem zentralen Netzwerk heranwachsen, das schließlich auch Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe ein jahrelanges Leben im Untergrund ermöglichte. Der Schutz ihrer Quellen war den Verfassungsschutzbehörden wichtiger als die Aufklärung von Verbrechen. Und daran hat sich offensichtlich bis heute wenig geändert, wie diverse Auftritte von Geheimdienstlern in Untersuchungsausschüssen oder dem Münchener NSU-Prozess zeigen – Merkels Versprechen umfassender Aufklärung erscheint da wie Hohn.

Aust und Laabs lassen etliche bekannte und bislang noch unbekannte Zeitzeugen zu Wort kommen: Polizisten, die bei der Verfolgung des NSU offenbar von ihren Vorgesetzten und dem Verfassungsschutz behindert wurden. Die Thüringer Landtagsabgeordnete Katharina König, die einst als Mitglied der Jungen Gemeinde in Jena selbst von rechten Schlägern aus dem Milieu des NSU überfallen wurde. Tino Brandt, der langjährige Anführer des Neonazi-Netzwerks Thüringer Heimatschutz, erzählt freimütig, dass die V-Mann-Honorare des Verfassungsschutzes ihm seine Aktivitäten überhaupt erst erlaubten – monatliche Handy-Rechnungen von 1.500 Mark oder die regelmäßigen Anwaltskosten hätte er ohne staatliche Hilfe niemals tragen können.

Mundlos arbeitete offenbar bei einem V-Mann des Verfassungsschutzes

Natürlich muss vieles zu kurz kommen bei nicht einmal einer Stunde Sendezeit: etwa das Klima im Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz unter seinem damaligen Präsidenten Helmut Roewer, der die linksalternative Jugendszene und die Antifa für gefährlicher hielt als rassistische Schlägerbanden. Oder die Schredderaktionen, durch die nach dem Auffliegen des NSU in etlichen Sicherheitsbehörden Akten vernichtet wurden. Dennoch, der Film ist eine gut verständliche und dichte Rekonstruktion des NSU geworden.

Und den Autoren gelingt es sogar, dem riesigen NSU-Puzzle ein bisher unbekanntes Teilchen hinzuzufügen: Nach seinem Untertauchen hat Uwe Mundlos offenbar unter falschem Namen bei einer Baufirma gearbeitet, die ausgerechnet von einem V-Mann des Verfassungsschutzes betrieben wurde. Dieses Detail wirft ein weiteres Mal ein Schlaglicht darauf, dass es im Umfeld des NSU-Kerntrios jahrelang und in großer Zahl Quellen des Verfassungsschutzes gab. Ob diese den Behörden ihr Wissen verschwiegen oder ob die Geheimdienstler Hinweise auf die Untergetauchten ignorierten, ist eine der bis heute ungeklärten Hauptfragen rund um den NSU.

Andere konnte der Film höchstens anschneiden: Wer gehörte außer Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe noch zum NSU? Dass dieser nur ein isoliertes Trio war, ist kaum noch glaubhaft nach vielen Details, die in Untersuchungsausschüssen oder dem Münchener Prozess bekannt wurden. Warum und von wem wurden die Mordopfer ausgesucht? Vieles deutet darauf hin, dass der NSU an den Tatorten bis heute unbekannte Helfer hatte. Warum wurde die Polizistin Michèle Kiesewetter 2007 in Heilbronn das zehnte Mordopfer? Wurde sie wirklich nur zufällig ausgewählt? Und waren die Aktenvernichtungen in diversen Behörden nach dem Auffliegen des NSU systematisch oder die Taten einzelner Mitarbeiter? Dass es sich um zufälliges oder versehentliches Schreddern handelte, ist in vielen Fällen nicht plausibel.

Um all diese Fragen kreist der zweite Untersuchungsausschuss des Bundestages, der im vergangenen November seine Arbeit aufgenommen hat. Dessen Einschaltquoten sind leider noch niedriger als jene der NSU-Filmreihe der ARD.