Am Anfang von Vinyl steht eine Wiedergeburt. Richie Finestra erhebt sich aus der Asche – im wahrsten Sinne des Wortes, denn kurz zuvor ist das Mercer Arts Center im New Yorker Greenwich Village über ihm eingestürzt. Finestra ist der fiktive Boss einer fiktiven Plattenfirma, das Gebäude und seinen Kollaps jedoch gab es wirklich. Am Nachmittag des 3. August 1973 war es friedlich in sich zusammengefallen. Fürs Fernsehen ist das natürlich zu langweilig: In Vinyl sind es die Glam-Punk-Rocker New York Dolls, die den Laden mit der Macht ihrer E-Gitarren zerlegen.

So werden Legenden gesponnen im neusten HBO-Großprojekt, das zugleich ein gemeinsames Baby von Mick Jagger und Martin Scorsese ist. 20 Jahre lang soll Ersterer an Letzterem herumgebaggert haben, bis er ihn für seinen Plan gewonnen hatte, einen Spielfilm über Hintermänner und Hedonismus im Rock-'n'-Roll-Geschäft der siebziger Jahre zu drehen. Idee: Mick, Regie: Marty. Der Film wurde dank eines Überangebots an Anekdoten zur Serie, HBO-Veteran Terence Winter (The Sopranos, Boardwalk Empire) kam als Showrunner hinzu. Mit einem Budget von etwa 100 Millionen US-Dollar gehört Vinyl zu den teuersten Produktionen der Pay-TV-Anstalt.

Herausgekommen ist dabei eine Art Mad Men auf Koks. An Stelle von Scotch und Werbung steht die Musik. Vinyl setzt im Jahr 1973 ein: Während der Rock 'n' Roll in seine erste Sinnkrise schlittert, zeichnen sich Disco, Punk und eine Embryoform von Hip-Hop als Musik der Zukunft ab. Für die Plattenfirma American Century sind das schlechte Nachrichten. Der etwas schnarchnasige Verein droht in Schulden und Bedeutungslosigkeit zu versinken. Labelchef Richie Finestra denkt sogar an einen Verkauf an die Bürokraten der deutschen Polygram.

Andy Warhol, Lou Reed und Alice Cooper zwinkern sich zu

Von Anfang an sind die Parallelen zwischen Inhalt und Inszenierung von Vinyl offensichtlich. Wo die Protagonisten keine Kosten, Mühen und Luxusversprechen scheuen, um die zugkräftigsten Musiker ihrer Zeit unter Vertrag zu nehmen, da betreibt auch die Ausstattung der Serie großen Aufwand im Werben um die Zuschauer. Es wimmelt von historisch aufgeladenen Schauplätzen und verbrieften Charakteren: Andy Warhol, Lou Reed, Robert Plant, Alice Cooper und andere zwinkern sich vielsagend durch die Clubs und Hotels eines Greenwich Village, das als krimineller, schmutziger, einzig wahrer Sehnsuchtsort zu neuem Leben erwachen soll.

Der Trick ist nicht neu: Schon für Boardwalk Empire bediente sich Terence Winter beim Personal der historischen Ostküstenmafia und ließ die Strandpromenade von Atlantic City zu Prohibitionszeiten nachbauen, um der Serie Bedeutungsschwere und Authentizität zu verleihen. Die hinzuerfundenen Charaktere wirkten vor dieser Kulisse wie Comicfiguren aus Fleisch und Blut. Mit übertriebener Mimik, Kesselflickersprache und Gewaltverliebtheit spielten sie gegen die Macht der wahren Begebenheiten an.