Wenn ein Wolf geduckt über die Kinoleinwand streift, wenn er bedrohlich knurrt und die Zähne fletscht oder seine Krallen in die frisch erlegte Beute schlägt, dann ist der zugehörige Film meist eine reichlich männliche Angelegenheit. Nicht zufällig versah man den Horrorstreifen Wolf, in dem Jack Nicholson 1994 nach einem Biss zum Werwolf mutierte, für den deutschen Kinostart mit dem vielsagenden Untertitel Das Tier im Manne.

Der Wolf, anmutig und erhaben in seiner Erscheinung, doch jederzeit zum tödlichen Biss fähig, scheint wie die tierische Entsprechung eines klassischen Männerbildes. Als Wolf of Wall Street wickelte Leonardo DiCaprio Kunden wie Kollegen um den Finger und servierte sie, wenn es sein musste, im nächsten Moment gnadenlos ab. Ein Alphatier, ein Wolf eben, nicht mal im Schafspelz. Kevin Costners Wildwest-Epos setzte dagegen auf den Einzelgänger, den einsamen Wolf und sein menschliches Ebenbild. Natürlich war es auch hier ein Mann, der das Tier zähmte, nicht etwa eine Frau, "die mit dem Wolf tanzt". Das Kino vermittelt uns: Das Raubtier im grauen Pelz gehört zum Mann, es steckt gewissermaßen in ihm.

Den Wolf als Bild für die Triebnatur einer Frau zu besetzen, ist also schon mal eine frische Idee. Die Schauspielerin und Regisseurin Nicolette Krebitz tut es in ihrem furiosen Film Wild, in dem eine junge Frau inmitten der Großstadt ihre Liebe zu einem Wolf entdeckt.

Dabei lernen wir Ania (Lilith Stangenberg) zunächst als recht blasse Erscheinung in verwaschenen Bildern zwischen den Plattenbauten von Halle kennen. Ihren Job als IT-Spezialistin in einer Kreativagentur erledigt sie mit Gleichmut, auf der Betriebsfeier sitzt sie allein am Tisch. Ein Kollege macht ihr zwar Avancen, doch ohne Erfolg. Auch der Chef (Georg Friedrich) scheint mehr als nur Sympathien für die in sich gekehrte Frau mit der brüchigen, fast weinerlich leisen Stimme zu hegen. Im Arbeitsalltag allerdings bleibt der Umgang nüchtern. Sein Pochen gegen das Bürofenster soll ihr bedeuten: "Einen Kaffee, bitte!" Ania fügt sich, ohne zu murren.

Diese Frau wirkt gehemmt, fast ein wenig zurückgeblieben. Ania hat sich eingerichtet in ihrem gewollt ereignislosen Dasein. Sie erwacht daraus erst, als eines Morgens auf dem Weg zur Arbeit, am Rande eines Waldstücks plötzlich ein Wolf vor ihr steht. Gebannt blickt die Frau auf das Tier, es wird sie fortan nicht mehr loslassen. Schon bald wächst sich ihre Faszination in Besessenheit aus.

Weil es schwierig ist, über den Wolf, dieses mythologisch so aufgeladene Tier, einen Film zu drehen, ohne symbolschwere Bedeutungsebenen aufzurufen, tat Nicolette Krebitz gut daran, die Metapher ihrerseits nicht zu überreizen. Jeder Zuschauer mag selbst entscheiden, warum sich ihre Hauptfigur so stark von dem Raubtier angezogen fühlt. Die Regisseurin, die auch das Drehbuch verfasst hat, beschränkt sich darauf, das Geschehen zu inszenieren. Sie tut es großartig.