Als Urmila Chaudhary, eine Nepalesin vom Stamm der Tharu, sechs Jahre alt ist, wird ihr Vater krank – und das Essen für die Familie noch knapper als es ohnehin immer war. Die Eltern sind Leibeigene und haben Schulden beim Landbesitzer. So erklären Urmilas Eltern heute, in Susan Gluths Dokumentarfilm, warum der Bruder Urmila vor 19 Jahren an einen Mädchenhändler verkauft hat. Zur Wahrheit gehört auch: Es war einfach so üblich.

Die Menschenhändler versprechen, dass die reichen Herren in der Hauptstadt die Mädchen gut behandeln werden, sie nur leichte Arbeiten machen lassen und zur Schule schicken. Das kann zwar vorkommen, aber meist schuften die sogenannten Kamalari als Sklavinnen im Haushalt. 14 bis 16 Stunden am Tag. Oft werden sie geschlagen, manche immer wieder vergewaltigt. Zur Schule durfte Urmila jedenfalls nicht gehen. Geborgenheit und Liebe? Gab es für sie elf Jahre lang nicht, bis sie befreit wurde. Umso erstaunlicher ist es, zu sehen, welches Selbstvertrauen und welche Energie die mittlerweile 25-Jährige heute hat.

Die deutsche Filmemacherin Susan Gluth hat mit Urmila eine echte Heldin porträtiert: Sie ist schön, ehrgeizig, trotzig, kämpferisch und gleichzeitig eine sehr zarte junge Frau, die das Filmteam vertrauensvoll mitnimmt durch die lärmenden, staubigen Straßen von Kathmandu, in die Hütte ihrer Eltern oder in das Hostel, in dem ehemalige Sklavenmädchen unterkommen. Und Helden, am liebsten junge weibliche, brauchen wir wohl leider oft, um uns für das Leid in fernen Ländern zu interessieren. Über Mädchenrechte in Nepal wissen wir noch weniger als über die in Afghanistan, für die beispielsweise die ebenfalls junge Heldin Malala kämpft.

Urmila leitet heute die Organisation Freed Kamalari Development Forum (FKDF). Sie und ihre Mitstreiterinnen befreien junge Sklavinnen und bringen sie in speziellen Schul- und Ausbildungsprogrammen unter, damit sie irgendwann ein selbstständiges Leben führen können. 13.000 Mädchen hat FKDF seit 2000 aus nepalesischen Haushalten geholt. Urmila diskutiert mit den Politikern, die zwar Kinderarbeit im Jahr 2000 offiziell verboten und eine Schulpflicht beschlossen haben, aber wenig tun, um die armen Familien zu stärken, damit sie ihre Kinder nicht weggeben, und die zu bestrafen, die weiterhin Mädchen kaufen. Urmila schleppt Transparente auf Demonstrationen, ruft Parolen, fährt in die Dörfer, um die Familien aufzuklären – und verfolgt nebenher noch eisern ihren Wunsch, einmal Jura zu studieren, um als Anwältin noch mehr für die Rechte der Mädchen und Frauen zu erreichen. Viel Zeit bleibt ihr zum Lernen jedoch neben ihrem Engagement nicht.

Gluths Dokumentarfilm zeigt vor allem das Engagement für die Zukunft, nicht die Sklavenarbeit selbst. Urmila erzählt auch nicht, was ihr genau angetan wurde. Aber die ehemaligen Kamalari führen in Theaterstücken auf, wie sehr sie es vermisst haben, einfach Kind zu sein. Die Gesichter der Mädchen und Frauen während der Proben zeigen die Traumata vielleicht deutlicher, als ihre Worte sie schildern könnten.

In einer beklemmenden Szene sieht man die Aktivistinnen, wie sie ein verängstigtes Mädchen aus einem Bus von einer älteren Frau befreien. Das Mädchen schweigt. Auch in dem Hostel für ehemalige Kamalari, in dem Stockbett an Stockbett steht, schweigt das Mädchen weiter. Es sagt nicht, ob es bleiben oder zu seiner Familie will. Es weint nicht, es freut sich nicht. Wahrscheinlich hat es nie gelernt, zu äußern, was es will.

Beklemmend ist auch immer mal wieder Urmilas eigener Blick. Tapfer hält sie Vorträge und lässt sich fotografieren, damit die Welt eine neue Heldin hat. Manche wollen eine neue Friedensnobelpreisträgerin aus ihr machen und sie überall vorzeigen, die anderen ermahnen sie, erst einmal die Schulausbildung zu beenden. Lächeln soll sie, siegessicher, nicht traurig schauen, fordert der Fotograf. Doch in solchen Szenen ist auch ihr anzusehen, wie viel sie sich zumutet.

Urmila ist ein eindrucksvoller Film. Dennoch wünscht man sich am Ende, weniger Demonstrations- und Kongressszenen gesehen zu haben, dafür noch mehr von den Mädchen. Denn die Fragen bleiben: Was wird aus denen, die keine Heldin sein können? Die ihr Trauma nicht in Arbeitswut und Engagement umleiten können wie Urmila? Wann wird das gerade befreite Kind aus dem Bus zu reden beginnen?