Der 1. April 2016 war ein Tag, an dem nicht nur Jan Böhmermanns Erdoğan-Gedicht beim ZDF gelöscht wurde, sondern auch die Rubrik "Queer" auf Maxdome. Die Onlinevideothek von ProSiebenSat1 war bis dato die einzige deutschsprachige Plattform, die einen ausgewiesenen Bereich mit queeren Inhalten hatte. Der Wegfall war lange niemandem aufgefallen, erst das Schwulenmagazin blu.fm fand nach mehreren Hinweisen seiner Leser heraus, dass mehr als 450 Titel aus dem Angebot verschwunden waren.

Die gelöschten Titel stammten großteils aus dem Angebot von Pro-Fun Media, einer Vertriebsgesellschaft mit Schwerpunkt schwul/lesbischer Medien. Maxdome habe den Vertrag überraschend zum 1. April gekündigt, beklagte deren Geschäftsführer Axel Schmidt im Interview mit blu.fm. Als Begründung habe man ihm mitgeteilt, Maxdome wolle "sein Programm mehr oder ausschließlich auf Familien ausrichten".

Spätestens nach dieser Aussage lagen die Nerven blank, obwohl Maxdome die Begründung umgehend dementierte. Hatte doch erst am vergangenen Wochenende die AfD in ihrem Grundsatzprogramm festgeschrieben, dass Gender-Mainstreaming, das auf eine Aufhebung der Geschlechteridentitäten zielt, abzulehen sei und die Familie bitte wieder aus Vater, Mutter und Kindern bestehen solle. 

Die Ängste sind begründet

Der eine Fall hat mit dem anderen natürlich erst einmal nichts zu tun. Dennoch zeigt die Aufregung in der LGBT-Community (lesbian, gay, bisexual und transgender), wie groß die Befürchtungen sind, dass heimlich Inhalte zensiert werden. Diese Ängste sind durchaus nicht unbegründet. Apples Anti-Nackheit-Politik hat in der Vergangenheit nicht einmal vor einem Bild von Max Beckmann Halt gemacht. Und auf iTunes werden regelmäßig Songtexte und Albumcover passend gemacht.

Es besteht also ein berechtigtes Grundmisstrauen, wenn es um die Entfernung wie auch immer gearteter sexueller Inhalte geht. Aber Maxdome zu unterstellen, es beuge sich einer neuen, konservativen Hypermoral, geht doch zu weit.

Schließlich handelt es sich beim Video-On-Demand-Portal von ProSiebenSat1 in erster Linie um eine kommerzielle Plattform, die finanzielle Vorgaben einhalten muss. Dem Argument des Pro-Fun-Media-Geschäftsführers Schmidt, die Inhalte seien gut gelaufen, widerspricht der Maxdome-Sprecher Matthias Bohlig auf Anfrage: "Content-Entscheidungen erfolgen bei uns aufgrund wirtschaftlicher Gesichtspunkte und so ist auch der Wegfall einiger Queer-Inhalte auf eine kommerzielle Entscheidung zurückzuführen, die auf einer vergleichsweise geringen Nachfrage der entsprechenden Inhalte basiert." Insgesamt hätten im April die Verträge mit mehr als zehn Lizenzgebern "pausiert", darunter auch die mit Pro-Fun Media und dem Filmverleih Salzgeber, sagt Bohlig.

"In unserem Fall betrifft das etwa 180 Filme, davon 140 mit schwul-lesbischem Inhalt", sagt Björn Koll, geschäftsführender Gesellschafter von Salzgeber im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Sein Vertrag mit Maxdome, der seit 2013 bestehe, sei vorzeitig beendet worden. Ihm gegenüber habe man jedoch nicht das Argument der "Familienfreundlichkeit" erwähnt, sagt Koll. Gleichwohl hält er die Abschaffung der queeren Sparte "in diesen Zeiten für ein völlig falsches Signal".