Da ziehen sie also los: Autor und Aktivist Cyril Dion und die Schauspielerin Mélanie Laurent, bekannt aus Inglourious Basterds und Die Unfassbaren. Fliegen um den Erdball, um mit einem Film die Welt zu retten. Fliegen. Klar, erst mal tonnenweise CO2 in die Luft blasen! Und unterwegs Kaffee aus To-go-Bechern schlürfen, wie in einigen Bildern zu sehen, ganz toll! Haben diese gutmenschelnden Künstlertypen nichts anderes zu tun, als in der x-ten Weltverbesserungsdoku eine grüne Zukunft herbeizufantasieren?

Es kann passieren, dass man Filme wie den jetzt angelaufenen Tomorrow ablehnt. Liegt es an dem Film und seinen Protagonisten? Oder ist man es einfach satt, im Kino zunehmend häufig an den scheinbar kurz bevorstehenden Weltuntergang erinnert zu werden? Ist doch so: Kein Superheldendrama ohne apokalyptisches Raunen, keine Kinodoku ohne Blick in den Abgrund und erhobenen Zeigefinger.

Das mag überspitzt formuliert sein. Dass sich aber im Kino und auf entsprechenden Portalen im Netz seit Jahren Dokumentarfilme drängeln, die den Zustand der Welt beklagen, ist mehr als ein Gefühl. Allein die Fraktion der Veganer kann zu Schulungszwecken auf ein eigenes Subgenre zurückgreifen. Das reicht von dem Film Earthlings mit Joaquin Phoenix, der penetrant eine Linie von Vernichtungslagern des Zweiten Weltkriegs zu moderner Massentierhaltung zieht, über die stärker an den angeblichen gesundheitlichen Vorteilen des Veganismus orientierten Doku Gabel statt Skalpell bis zu dem am 12. Mai angelaufenen Film Hope for All, der sein Heilsversprechen bereits im Titel trägt.

Seit den Nullerjahren spielen Dokumentarfilme überhaupt erst wieder eine Rolle im Kinoprogramm. Publikumshits wie Buena Vista Social Club, Bowling for Columbine und Die Reise der Pinguine erlösten das Genre von seinem Schattendasein und brachte es zurück auf die Kinoleinwände. Noch Mitte der neunziger Jahre lag der Anteil der Dokumentarfilme bei deutlich unter zehn Prozent. Für ihre jüngste Studie zu den in deutschen Kinos vertretenen Filmgenres zählte die Filmförderungsanstalt 17 Prozent. Und darunter überwogen mit 39 Prozent Dokumentarfilme, die sich mit gesellschaftlichen Themen auseinandersetzten.

Das ist auch der österreichischen Schule zu verdanken, die seit Mitte der Nullerjahre erstaunliche Erfolge bei Publikum und Kritik feierte. Ihre Regisseure beschäftigten sich in den teils brillant inszenierten Filmen mit drängenden Problemen der globalisierten Welt: Werner Boote sah die Erde im Müll versinken und von einer wachsenden Bevölkerung überschwemmt (Plastic Planet, Population Boom); Michael Glawogger beobachtete Arbeitsverhältnisse im Allgemeinen und in Rotlichtbezirken im Besonderen (Workingman’s Death, Whores' Glory); und Erwin Wagenhofer beschäftigte sich mit der Nahrungsmittelproduktion, der Finanzwirtschaft und Bildung (We feed the World, Let's make Money, Alphabet).

Vor allem Wagenhofers We feed the World gefiel und zog eine Vielzahl von Filmen über Ernährung und die Nahrungsmittelindustrie nach sich. Auch Wagenhofers Landsmann Nikolaus Geyrhalter ging dem Thema mit Unser täglich Brot nach. So stilistisch unterschiedlich die Dokumentarfilme aus Österreich sind, werfen sie alle einen äußerst grimmigen Blick auf die Welt. Die Filmemacher schichten Problem auf Problem, meist ohne dem Zuschauer ob der niederschmetternden Erkenntnisse wenigstens einen kleinen Hoffnungsschimmer in Form von Lösungsvorschlägen zu schenken.

Ganz anders Taste the Waste. Der Stuttgarter Valentin Thurn machte 2011 darauf aufmerksam, dass in der gesamten EU jedes Jahr rund 90 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen werden. Der Start des Films wurde von etlichen Aktionen begleitet, so erschienenen ein Sach- und ein Kochbuch mit Tipps gegen Lebensmittelverschwendung. Thurn wollte Wege aus der Misere aufzeigen und ganz konkret etwas verändern.