Toni Erdmann bei der Filmpremiere in Cannes, 2016 © Pascal Le Segretain/Getty Images

Zu Hause ist da, wo das Telefonschränkchen in der Diele steht und die Plastikstühle sich auf der Terrasse stapeln. Man lässt es irgendwann hinter sich. So wie Ines Conradi (Sandra Hüller) in Maren Ades Toni Erdmann. Ines arbeitet inzwischen erfolgreich als Unternehmensberaterin in Bukarest und demnächst Shanghai und schaut nur noch für einen Stopover in Aachen bei ihrem Vater (Peter Simonischek) vorbei. Sie verdient viel eigenes Geld, schuftet hart für ihre Karriere und trifft sich abends noch mit Vorständen großer Unternehmen auf einen Drink in der Hoffnung, dass sie die nächsten Kunden werden. Das ist jetzt ihr Leben, und Ines ist davon überzeugt, dass nichts darin sie noch mit ihrer Herkunft verbindet. Das Rheinland und ihr Vater sind verdammt weit weg.

In ihrem dritten Spielfilm hat sich die Filmemacherin Maren Ade in jenes Gefühl zurückgegruselt, das Eltern in einem ausgelöst haben, als auf dem Schulfest keiner am Tisch ihren Witz lustig fand. Um dieser beklemmenden Mischung aus Scham und Ausgeliefertsein nach dem Auszug zu entkommen, redet man sich gerne ein, dass man nichts mit den eigenen Eltern gemein habe außer zufällig den Genen. Freunde, heißt es dann, seien die wichtigen Beziehungen. Oder, wie im Leben von Ines, eben Kollegen oder Kunden. Über diese moderne Halluzination beugt sich Ade mit ihrem menschenfreundlichen und herrlich komischen Blick und dröselt auf: Bukarest hin oder her, das Muster, nach dem Ines gestrickt ist, stammt aus Aachen.

Der Film war schon vor seiner Premiere ein großer Erfolg für Ade. Mit ihm hat sie es geschafft, jeden ihrer bisherigen Filme in einen Weltklassewettbewerb zu bringen: Der Wald vor lauter Bäumen lief 2005 auf dem Sundance Festival und erhielt dort den Spezialpreis der Jury. Alle anderen, der unsere Probleme mit tradierten Rollenbildern durchleuchtete, lief 2009 im Wettbewerb der Berlinale und brachte Ade den großen Preis der Jury und ihrer Hauptdarstellerin Birgit Minichmayr einen Silbernen Bären ein.

Herkunft ist alles

Es ist die leichte Art, komplizierte Themen zu verhandeln, die Ades Filme auszeichnen. Wie sich Minichmayr und ihr Filmpartner Lars Eidinger in Alle anderen als ziemlich normales Paar stritten und liebten, entblößten und entblödeten, war eben weder banal oder gar langweilig, obwohl man es nur allzu gut kennt, sondern liebenswert, hinreißend komisch und überaus klug.

Ade wählt ihre Drehorte sorgfältig aus. In Alle anderen war es das Ferienhaus der Eltern auf Sardinien, in dessen Abgeschiedenheit die Konflikte anschwellen und schließlich durch die Begegnung mit einem anderen Paar aufbrechen konnten. Diesmal hat sie den Ort der Handlung nach Bukarest verlagert. Als Bild dafür, wie weit Ines sich von ihrem Elternhaus entfernt glaubt. Allerdings zeigt Ade wenig von der Stadt, keinerlei Ansichten, sondern nur nichtssagende Orte wie Ines' Apartment, Einkaufszentren und Restaurants. Sie bilden den perfekten Hintergrund, um sich ganz auf die Konfrontation von Ines mit ihrem Vater konzentrieren zu können. Zu der kommt es schließlich, als der leicht vertrottelte Musiklehrer mit ausgeprägtem Hang zu skurriler Verkleidung seine Tochter überraschend besucht.

In jedem ihrer Filme stecke auch Autobiografisches, sagt Ade. Sie wurde 1976 in Karlsruhe geboren, ihre Eltern waren ebenfalls Lehrer. Mit 21 ging sie zum Studieren nach München, gründete ihre eigene Produktionsfirma Komplizen Film und zog schließlich nach Berlin, wo sie heute lebt. Es habe sie interessiert, wie wenig sie selbst sich beim Arbeiten von ihrer Familie lösen konnte. Solche Beziehungen sind fest, die Interaktionen ritualisiert. Wenn man jünger ist, glaubt man, die Herkunft habe keinerlei Einfluss auf die gegenwärtige Existenz. Eben das entlarvt Ade als grandiosen Irrtum. Und weil sie nicht der Typ für Jammern ist, hat sich Maren Ade möglicherweise gedacht: Lachen wir besser drüber.

Lachtränen für die Vater-Tochter-Geschichte

© Komplizen Film

Wie in der Szene, als Ines' Vater plötzlich mit Zottelperücke und falschen, hervorstehenden Zähnen in einer Bar auftaucht, sich als "Toni Erdmann" ausgibt und seiner Tochter und den Umstehenden kein bisschen glaubhaft erzählt, er habe eben von Ion Țiriac erfahren, wie tief der um seine Schildkröte trauere. Es ist zum Fremdschämen, und das Loch, das sich Ines herbeiwünscht, so groß, dass ganz Bukarest darin versinken könnte.

Dabei gibt Ade ihre Figuren kein bisschen preis: Nicht den Vater, den der großartige Peter Simonischek großartig untalentiert spielt. Er vermisst seine Tochter, mit dem Verkleidungstrara will er ihr wieder näher kommen. Und auch Ines bleibt uns am Herzen, weil wir uns selbst in ihr erkennen, in ihrem Hadern und in ihrer Angst vor der unausweichlichen Tatsache, die Tochter dieses Mannes zu sein. Egal was da komme. Und es kommt noch einiges.

Hüller kann Großes erreichen

In Cannes, offenbarte ein Blick auf die Kollegen im Publikum, hat man sich vor Lachen die Tränen aus den Augen gewischt. Toni Erdmann begeisterte. Es freut besonders, weil es sich also gelohnt haben wird, dass sich die Festivalleitung nach acht Jahren wieder für einen deutschen Film in ihrem Wettbewerb entschieden hat.

Und ganz egal, wie das Festival weiterlaufen wird, an diese eine Szene von Sandra Hüller als Ines wird man sich ganz sicher sehr lange erinnern: Ihr Vater hat sie gerade als "Miss Schnuck" vorgestellt und will jetzt, dass sie vor einer rumänischen Großfamilie Whitney Houstons Hit Greatest Love of All singt, während er sie auf dem Harmonium begleitet. Wie Hüller da mit sich ringt, schließlich nachgibt und mitspielt, die Arme ausbreitet und "Learning to love yourself" schmettert, ist eine so unnachahmliche Leistung, dass Hüller dafür in Cannes noch während der Vorführung mit Ovationen geehrt wurde.

Nach so einem Auftritt ist für Ines und für Sandra Hüller alles möglich.