Die Frage ist einfach, doch die Antwort gestaltet sich kompliziert. Ob er ein Statement abgeben könne zur Situation in Deutschland, nachdem die Nationalsozialisten gerade die Wehrpflicht auf zwei Jahre erhöht haben. Der Mann blickt gequält – nicht etwa, weil er keine Meinung zur gefährlichen Entwicklung in Deutschland hätte. Aber er sei Schriftsteller, kein Politiker, entgegnet er dem Fragesteller. Er könne Werke von politischer Bedeutung schaffen, sich aber nicht auf das Niveau jener herunterbegeben, die seine Sprache für ihre menschenverachtenden Parolen missbrauchen.

Die anwesenden Journalisten auf dem PEN-Kongress in Buenos Aires 1936 reagieren mit Unverständnis auf die Aussage Stefan Zweigs. Der Österreicher zählt zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren, also erwartet die Weltöffentlichkeit von dem jüdischen Intellektuellen eine klare Stellungnahme. Doch Zweig lässt sich zu keiner Verurteilung des Hitler-Regimes hinreißen. Für den überzeugten Pazifisten ist die Situation ohnehin unerträglich: Hilflos muss Zweig aus dem Exil mitansehen, wie die Errungenschaften der westlichen Zivilisation unter dem Einfluss der Nationalsozialisten dem Untergang geweiht sind. Aber sein Schweigen, erklärt er einem Journalisten unter vier Augen, entspringt einer inneren Überzeugung: "Jede Widerstandsgeste, die kein Risiko in sich birgt und keine Wirkung hat, ist nichts als geltungssüchtig."

"Zweig liebte das Reisen und Neuentdecken wie kein anderer – bis zu dem Moment, an dem er es musste"
Maria Schrader im Gespräch mit ZEIT ONLINE

Maria Schraders Film Vor der Morgenröte über die letzten Lebensjahre Stefan Zweigs ist weniger ein Biopic im strengen Sinne als die psychologische Studie eines Mannes, dessen humanistisches Weltbild von den politischen Ereignissen eingeholt wird. Man müsse eine Zeitschrift mit jüdischen Autoren herausgeben, schlägt er einem Kollegen vor, um den Mythos der arischen Überlegenheit zu widerlegen. Der Intellektuelle kann nicht anders, als dem irrationalen Hass mit Humanismus zu begegnen. Er verteidigt seine "Inseln der Unabhängigkeit", wie es im Film einmal heißt, obwohl sich längst abzeichnet, dass auch diese Inseln zu verschwinden drohen. Zweig muss über London und New York nach Brasilien fliehen. Tausende Kilometer von seiner Heimat entfernt befindet er sich zwar in Sicherheit, doch seine privilegierte Situation löst in ihm Schuldgefühle aus. Jeden Tag erreichen ihn ein Dutzend Hilfsgesuche von Freunden und Kollegen, die auf seine Fürsprache hoffen, damit sie ebenfalls im Ausland ein neues Leben beginnen können.

Maria Schrader findet in ihrer zweiten Regiearbeit ruhige, psychologisch aufgeräumte Bilder für diese inneren Konflikte. Aus sechs Kapiteln besteht ihr Film. Sechs Stationen im Leben Stefan Zweigs über einen Zeitraum von sechs Jahren, die diskret die Frage umkreisen, warum er und seine zweite Ehefrau Lotte sich am 23. Februar 1942 im brasilianischen Petrópolis das Leben nahmen. Zweig neigte zwar zu Depressionen, auch seine Romane waren von einer sanften Melancholie durchzogen. Doch Schrader interessiert sich in erster Linie für die Exil-Erfahrung, die den Schriftsteller in seinen letzten Lebensjahren in eine tiefe Verzweiflung stürzte.

Zweig suchte die Einsamkeit des Schreibens. Er lebte in Brasilien, dem "Land der Zukunft", an das er im Exil eine literarische Liebeserklärung verfasst hatte, nicht allein, aber er blickte stets in den Abgrund der europäischen Katastrophe. Während eines Ausflugs zu den Zuckerrohrplantagen im Norden Brasiliens schaut er einmal versonnen aus dem Autofenster, sodass sich auf seinem Gesicht die Reflexionen einer Brandrodung abzeichnen. Um dieses Verhältnis von innen und außen, um die traumatische Erfahrung des Exils, die Bilder der Verwüstung auf die Seele des Menschen projiziert, geht es in Vor der Morgenröte.

Mit Josef Hader hat Maria Schrader eine kongeniale Projektionsfläche für diesen Konflikt gefunden. Die ungewöhnliche Wahl erweist sich als Glücksfall, weil die Notwendigkeit, alle Erwartungen an einen Hader-Auftritt zu unterlaufen, eine auf hochgradig kontrollierte Weise von sich selbst entfremdete Performance ermöglicht, die in ihrer subtilen Psychologie ähnlich offen und leerstellenhaft bleibt wie die Bilder von Kameramann Wolfgang Thaler. Im vertrauten Zusammenspiel zwischen Hader und Thaler, dem permanenten Austarieren von Nähe und Distanz, liegt das emotionale Zentrum von Vor der Morgenröte. Es verleiht dem Film auch seine berührendsten Momente. Eine Blaskapelle spielt beim Empfang in einem brasilianischen Dorf eine schiefe Version von An der schönen blauen Donau, wobei Zweig fast unmerklich eine einzelne Träne über die Wange läuft. Oder das Gespräch mit dem Berliner Journalisten Ernst Feder auf der Terrasse von Feders Domizil in Petrópolis: Wieder schweift Zweigs unergründlicher Blick in die Ferne, wo er im brasilianischen Urwald ein Stück Heimat zu erkennen glaubt. Der Blick nach vorne hat etwas Tröstliches, er lenkt ab von den Seelenqualen.      

Maria Schrader inszeniert diese Form von Geschichtskino mit bravouröser Eleganz. Vor der Morgenröte ist in erzählerischer (das Drehbuch schrieb sie zusammen mit Jan Schomburg) und filmischer Hinsicht ein Triumph. Nie sind die Bilder – ein Kardinalfehler des deutschen Kinos – mit unnötiger Geschichtspatina behaftet, Thalers Kamerafahrten sorgen zudem für einen unaufdringlichen, fast zeitlosen Rhythmus. Seinen dokumentarischen Naturalismus hat er in jahrelanger Zusammenarbeit mit Ulrich Seidl erlernt und verfeinert. Vor der Morgenröte kommt diese Arbeitsweise zugute, weil sie Raum lässt, um den Widersprüchen Zweigs Geltung zu verschaffen. Die erzählerischen Ellipsen, auch aufgrund der Zeitsprünge zwischen den Episoden, zielen auf kein fertiges Bild von Stefan Zweig ab. Sein Seelenleben bleibt immer äußerlich. Dieser Respekt vor dem Menschen Zweig zeigt sich am besten in der eindrucksvollen Schlusseinstellung, in der der Tod gegenwärtig ist, aber ins Off verbannt durch eine Spiegelachse, die auch den filmischen Raum hinter der Kamera miteinbezieht. Es ist eine virtuose Szene, ohne mit Virtuosität zu protzen. Sie wirkt menschlich und bescheiden, wie das Werk Stefan Zweigs.