Musik ist wichtig für den Zusammenhalt seiner Filme, sagt der belgische Regisseur Felix Van Groeningen: "Sie sollte wirklich Teil der Geschichte sein." Wirklich beeindruckend hat er diese These 2012 in seinem großen Erfolg The Broken Circle umgesetzt. In Café Belgica verbindet er nun noch konsequenter Story und Sound, gerät diesmal allerdings immer wieder aus dem Takt.

Die Brüder Jo und Frank könnten kaum gegensätzlicher sein: der eine schüchtern und ruhig, der andere laut polternd. Kein Wunder, dass sich ihre Wege getrennt haben. Vor allem Jo hat versucht, dem Einfluss des großen Bruders und dessen übergriffigem Charakter zu entkommen. Gerade hat er etwas Eigenes auf die Beine gestellt und eine kleine Bar übernommen. Als Frank davon erfährt, steht er sofort wieder vor der Tür, dabei verkauft er inzwischen Gebrauchtautos und lebt mit Frau und kleinem Kind auf dem Land. Doch als er seinen Bruder in der Bar besucht, spürt er, was er mit seinem Familienleben alles aufgegeben hat und mischt schon bald kräftig mit. Er dient sich als Barmann an, schleppt Freunde herbei, organisiert DJs und ein erstes Konzert, während Frau und Kind zu Hause auf ihn warten. Wie ein aus dem Käfig befreites Raubtier stürmt Frank durch die Szenerie, während Jo versucht, den Schaden zu begrenzen.

Das ist die eine Geschichte in Café Belgica. Eine zweite handelt von dem titelgebenden Club. Es geht um die Ideale, die mit dessen Gründung verbunden sind, im Lauf der Zeit aber auf der Strecke bleiben. In jeder größeren Stadt gibt es einen solchen tollen Laden, in den die Betreiber ihr Herzblut fließen lassen und mit einem großartigen Programm eine ganz eigene Stimmung kreieren. Sie erschaffen einen Zufluchtsort, der für viele der Gäste zu einer Art Wohnzimmer ihrer neuen Ersatzfamilie wird. Oder, wie Frank es einmal sagt, "zur Arche Noah". Reales Vorbild für das Café Belgica ist das Café Charlatan in Gent, das Felix Van Groeningens Vater 1989 eröffnete und das ähnliche Phasen durchmachte wie der Club im Film: Die Crew wächst sich langsam vom kleinen Freundeskreis zum professionellen Team aus, es wird umgebaut und vergrößert, man bekommt Ärger mit den Ämtern. Erfolg und Wachstum bringen auch Drogen und Gewalt, Rassismus und Sexismus in das einst friedliche Refugium. Schließlich drohen auch die Betreiber, sich in dem Rock-'n'-Roll-Lifestyle zu verlieren.

Kino - "Café Belgica" (Trailer)

Minutiös zeigt der Film den Aufstieg und Fall eines kleinen Kulturunternehmens. Wenn Van Groeningen filmt, wie die Betreiber das Sicherheitsproblem diskutieren und trotz aller Schwierigkeiten an ihrer Politik der offenen Türen festhalten, weil nur dies der ursprünglichen Idee ihres Clubs entspricht, dann ist das nicht nur dem Realismus geschuldet. Solch ein Idealismus rührt. Und im Gegenzug wirkt der Moment, in dem sich die Brüder dann doch irgendwann auf die örtliche Security-Mafia einlassen umso bitterer. Allerdings wird trotz so viel Liebe zum realen Clubdetail und zur Musik, kein einziges Mal thematisiert, wie man die Acts auswählt, wie man sie finanziert, welches Publikum man sich erhofft. Das erstaunt, denn die unglaublich heterogene Auswahl der Bands und deren Inszenierung lassen den besonderen Anspruch an die Musik im Film klar erkennen. Sie ist die dritte Protagonistin des Café Belgica, doch dient sie nur dazu, die beiden Geschichten – die der Brüder und die des Clubs – miteinander zu verweben.

Zwischen Kleinkindgeschrei und Drogenexzess

Wie schon in seinem letzten Film The Broken Circle, einem Drama um ein Bluegrass-Musikerpärchen, das mit dem Verlust seines Kindes umzugehen lernen muss, ergibt es tatsächlich Sinn, der Musik die Rolle des Zusammenhalts zu geben, eben weil die Musik eine der Hauptfiguren des Films ist, das Leitmotiv, der Antrieb, der Motor für beinahe alles, was geschieht. Diesmal hat Van Groeningen mit der Genter Elektronik-Rock-Band Soulwax zusammengearbeitet. Sie ist nicht nur für die Filmmusik, sondern auch für die Livemusik im Film verantwortlich. Sämtliche 16 Bands, die auf der Bühne des Café Belgique auftreten, sind fiktiv, und ihre Musik – ob Brass, Rockabilly, Techno, Indie Rock oder arabische Electronica – stammt ebenso von Soulwax wie fast der gesamte Rest der Musik, die im Club zu hören ist.

Die Genter Soulwax-Brüder Stephen und David Dewaele hingen in den 1990er Jahren viel mit dem Regisseur im Café Charlatan ab. Und genau hier, in den Clubszenen, führt die enge Zusammenarbeit der beiden Musiker mit dem Regisseur zu faszinierenden Ergebnissen. Wie die Liveauftritte der verschiedenen Bands ineinander übergehen und die Stimmung im Club reflektieren, ist mitreißend; wie Van Groeningen dann auch das ganze Drumherum eines erfolgreichen Clubs – die Backstageorgien, Rangeleien auf der Tanzfläche, Ärger mit der Polizei – in einer großen Collage zusammenbringt, furios.

Doch dabei stößt der Film auch an seine Grenzen. Denn je mehr Konflikte sich in der Geschichte auftun, je mehr Figuren eine zentrale Rolle gewinnen, desto weniger schafft es Van Groeningens Montage den Film als Ganzes zusammenzuhalten. Seine wilden Zusammenschnitte aus Clubszenen, Eifersuchtsdramen oder Familienstreits mit schreiendem Kleinkind, Drogenexzessen und Sexorgien steigern sich zu einem wilden Stakkato, bis kaum noch eine empathische Regung möglich ist. Mitunter wirkt das, als wären im Schnittraum die 130 Stunden Rohmaterial explodiert und dem Regisseur so gewaltig um die Ohren geflogen wie den Brüdern ihr Club. Das Konzept der musikalischen Durchdringung geht am Ende nicht mehr auf. Immer öfter befällt einen das Gefühl, als hätte sich die Tonspur an einigen Stellen über die falschen Bilder geschoben und der sehr lange Sturz der Brüder erschöpft den Zuschauer durch die immer gleichen Rock-'n'-Roll-Klischees von nackten Groupies in Cowboystiefeln und weiß gepuderten Koksnasen. Für Gefühle und einzelne Momente nimmt sich der Film dann kaum noch Zeit, sondern hastet von einem Plotpoint zum nächsten. Mit Café Belgica, dem Film, passiert dabei dasselbe wie mit dem Club Café Belgica im Film: Das Ganze läuft längst im Leerlauf. "Ich bin aus dem Tritt gekommen", stellt Frank am Ende ernüchtert fest. Dem Film ergeht es nicht anders.