Das Bier ist natürlich schon kaltgestellt. Vor allem wir nichtsnutzigen Journalisten in der Hauptstadt haben es feinherb nötig. Wir stimmen uns damit ein auf ein vierwöchiges Programm der Entgrenzung. Und es mag für die einen genugtuend, für die anderen abstoßend sein, dass wir es dieses eine Mal allen Schlandrufern und Fahnenschwenkern gleich tun. Es wird Fußball gespielt, und das ist das Wichtigste.

Bis zum 10. Juli gelten andere Regeln. Europa ist sich einig: Der Kontinent dauert 90 Minuten und der Rasen ist rund. Das Private wird beruflich, Arbeitnehmer gehen mittags nach Hause, Kinder dürfen aufbleiben bis in die Puppen. Es ist ja EM. In den kommenden vier Wochen erleben wir eine systemische Verschiebung von einer Arbeitsökonomie hin zur Freizeitökonomie. Ein Manntag wird in Bratwürsten bemessen, und gleichsam kurbelt der Konsum von Chips, Erdnusswürmern und Plastikhemden die Industrie an. Fantastisch.

Auch die Kollegen vom ZDF haben schon den Grill auf die Kohle geworfen und ihre Prioritäten für den EM-Monat deutlich kommuniziert: Das heute-journal, das normalerweise täglich eine halbe Stunde Nachrichten sendet, wird während der Spielphase auf zehn Minuten, oder anderthalb gut gezapfte Biere, gekürzt. Die werden dann jeweils zur Halbzeitpause um 21.45 Uhr ausgeschenkt respektive gesendet. Pausenfest feiert das ZDF auch, wenn das Spiel in der ARD läuft, man ist da konsequent.

Immer noch nüchterne Stimmen fragen nun, wie das angehen könne. Es gebe doch nicht auf einmal weniger Nachrichten, die Welt drehe sich doch weiter. Und ja, da lallen wir zustimmend: Sssischer, sssie is ja 'n Ball. Aber wer will schon Alexander Gauland in den Meldungen sehen, wenn er Jérôme Boateng auf dem Platz hat. Wer braucht Marina Abramović, wenn es Zlatan Ibrahimović gibt. Und wer hat auch nur einen müden Blick für Heiko Maas übrig, während Cristiano Ronaldo autoerotisch rumdribbelt.

Der Kurzschluss des ZDF ist deshalb im besten Sinn öffentlich-rechtlich und staatstragend. Die Gebührenzahler konzentrieren sich ohnehin ganz auf Fußball, da will man ihnen nicht noch mehr Zeit stehlen und sie gar zur Anteilnahme am Weltgeschehen zwingen. Also wird der Sendeplan ganz kundenorientiert angepasst. Und wenn gerade die ARD das Spiel überträgt, zeigt das Zweite derweil sein "attraktives Gegenprogramm", wie es ein ZDF-Sprecher verspricht:

Am Sonntag das Kolonial-Abenteuer Kreuzfahrt ins Glück, vermutlich mit Frauke Petry und Markus Pretzell in den Hauptrollen. Am Montag Ein starkes Team, eine Krimi-Episode von 2011 mit Joachim Löw und Dr. Müller-Wohlfahrt. Am Mittwoch Angela Merkel als Bella Block. Fernsehunterhaltung der Königsklasse. Ließe sich noch ergänzen durch investigative Highlights aus Paris: Zwischen Kutteln und Couture – Marietta Slomka erkundet Frankreich oder Odeur toujours – Der tägliche Camembert mit Markus Lanz. So ein Käse macht sich übrigens auch ganz hervorragend auf dem Grill.