Das Genre der Agentenerzählung hat den Kalten Krieg überlebt. Das liegt unter anderem daran, dass sich vor allem in der Ausstattung so ungeheuer viele Möglichkeiten auftun: Wo sonst ließen sich so hemmungslos und ohne schlechtes Gewissen Glanz und Eleganz als Stilmittel einsetzen, wie in den imaginären Welten der Spione? Obwohl: Seit Daniel Craig hat selbst James Bond gelernt, dass das Agenten-Business harte Arbeit ist, und sollte 007 tatsächlich irgendwann zur Frau werden, ist es ohnehin vorbei mit Machotum und harten Männerwelten.

Von Glamour kann in der fünfteiligen Serie London Spy, einer BBC-Produktion, die jetzt auf Netflix zu sehen ist, von Beginn an keine Rede sein. Alles beginnt damit, dass Daniel – genannt Danny – Holt durch die Nacht läuft, I feel Love auf den Kopfhörern, Kippe im Mund. Gut aussehender Typ, möglicherweise stimmt aber irgendetwas nicht mit ihm. Ein wenig schräg wirkt er. Zu jung, um verbraucht zu sein, sieht aber aus, als könnte er schon etwas hinter sich gebracht haben. Ben Whishaw, bekannt als Q in den jüngsten James-Bond-Filmen, verleiht der Rolle etwas Verstörendes und Verstörtes zugleich. Im Morgengrauen trifft Danny auf einen Jogger. Etwas verändert sich. Etwas passiert mit den beiden. Es ist der Augenblick, der Dannys Leben verändern wird, in jeder Hinsicht, und das nicht zum Guten, auch wenn er selbst das zunächst glaubt.

London Spy ist ein Fest für Verschwörungstheoretiker und Überwachungshysteriker. Sicher ist man in diesem Szenario nirgendwo. Die Entscheidungen sind bereits getroffen worden, irgendwo von irgendwem. Wer sich als Einzelperson gegen das System (dessen Ausmaß und Ziel im Dunkeln liegt) auflehnt, wird fertig gemacht. Und es ist sicher: "Die" können alles herausbekommen, was sie wollen, jederzeit. Und sie können und werden es benutzen. Ob das immer glaubhaft ist, steht auf einem anderen Blatt; das Wahnsystem hat seine eigenen Gesetze.

Ungeheure Rasanz

Danny ist schwul. Der Jogger, den er auf der Straße trifft und der sich Alex nennt, ist es auch. Nur weiß er es nicht. Jedenfalls glaubt Danny das. Zum ersten Mal in Alex’ Wohnung, spielt Danny am Computer herum. Der schwarze Ruhebildschirm wacht auf und offenbart ein Durcheinander aus Formeln, Daten, Zahlen. Dass Alex nicht, wie er vorgibt, für eine Bank arbeitet, begreift man schnell. Die Erkenntnis, dass er in Wahrheit ein Agent des britischen Geheimdienstes ist, kommt ebenfalls nicht überraschend.

London Spy, entstanden nach einer Idee und einem Drehbuch des gefeierten englischen Bestsellerautors Tom Rob Smith, ist ein permanentes Spiel mit der Verstellung, der Maskerade. Auf unterschiedlichsten Ebenen, im Privaten wie im Politischen, ist die Lüge das Leitmotiv des Serien-Fünfteilers, der etwa 30 Minuten Anlaufzeit braucht, um dann eine ungeheure Rasanz zu entwickeln. Ganz gleich, was Danny unternimmt – die Dinge erscheinen immer verwickelter, gefährlicher; seine Lage wird zusehends aussichtsloser.

So vieles ist falsch, aber was nicht?

Eines Tages ist Alex verschwunden. Danny findet ihn auf dem Dachboden seiner Wohnung, erstickt in einem Schrankkoffer, inmitten eines professionellen schwulen Sado-Maso-Studios. Ein Sexunfall, sagt die Polizei. Daran glaubt Danny nicht. Er will der Wahrheit auf den Grund gehen, zum einen. Zum anderen aber kämpft er auch um das Bild, das er selbst sich von Alex (sogar der Name sei falsch, sagt man ihm) gemacht hat. Alex, der brillante Denker, der für jeden etwas anderes war, nur nicht das, was Danny in ihm gesehen hat. So vieles ist falsch, aber was nicht? Das Sado-Maso-Studio? Oder das Leben, in dem sich Danny mit Alex eingerichtet hat und das immer wieder in Rückblenden eingestreut wird in all der Banalität, die die Verliebtheit für Außenstehende nun einmal mit sich bringt: Spaziergänge. Die Frage "Was denkst Du?".