Wie misst man Leidenschaft: An der Zeit, die ein Mensch einer Sache widmet? An der Beschleunigung des Herzschlags? An der Ausschüttung von Endorphinen? Alles richtig. Aber Leidenschaft, und das hat sie mit dem Teufel gemein, steckt immer auch im Detail.

In diesem Fall, es soll hier nämlich um die Leidenschaft einer bestimmten Person gehen, steckt sie in einem Fitzelchen Papier, kleiner als ein Fingernagel. Immer wenn Karsten Rodemann einen Film verleiht und der Kunde seine Zehnerkarte aus dem Portemonnaie zieht, stanzt Rodemann ein Loch hinein. Er tut das aber nicht einfach so, er sucht eine passende Stanze aus. Film und Motiv müssen passen, das ist wichtig.

"Das Schloss nehme ich für Märchen, es kann aber auch eine Kirche darstellen für Filme mit klerikalem Inhalt. Manchmal steht es auch für die Wall Street, also für New York und ich benutze es für alle Filme des Subgenres Home Invasion. Den Knochen stanze ich bei Krimis oder Kampfsportfilmen. Der Helikopter ist Action, klar, und bei der Serie Homeland gibt's auch mal den Schirm, wegen des militärischen Abschirmdiensts."

Karsten Rodemann ist Videothekar, er ist 50 Jahre alt und hat die meiste Zeit seines Lebens Hawaiihemden getragen. Man tritt ihm sicher nicht zu nahe, wenn man sagt, dass er in diesem Sommer noch nicht viel Sonne abbekommen hat. Sein Laden heißt Videodrom, er liegt in Berlin Kreuzberg, in einer für diese Stadt auffällig abschüssigen Straße mit Kopfsteinpflaster. An einem Sonntagabend steht er dort hinter der Theke. In dieser Geschichte soll er aber auch für all die anderen Videothekare stehen, die dafür sorgen, dass in diesem Land ein paar romantische Komödien weniger geschaut werden und ein paar gute Filme mehr. Denn es geht ihnen nicht gut.

Seit 2002 ist die Zahl der Videotheken in Deutschland um fast zwei Drittel geschrumpft, 2015 zählte der Interessenverband des Videofachhandels nur noch 1186.

An diesem Abend ist Rodemann oft allein, man hört dann die Stille im Laden und das leise Klicken von DVD-Boxen, die geöffnet und geschlossen werden. Früher war die Schlange an Sonntagen so lang, dass sie sich um das freistehende Regal mit den Animationsfilmen kringelte. Heute halten die Einnahmen Rodemann und seine zwei Mitarbeiter über Wasser, mehr nicht. Aber das ist okay für ihn, so lange es weiter geht. Er hat jahrzehntelang lang Filme gesehen, und Bonusmaterial gesichtet, diese Erfahrung soll nicht einfach verpuffen. Er will sie weitergeben.

"Ich hänge sehr an dem Job, das ist, na ja, Berufung ist vielleicht ein bisschen zu pathetisch ..."

Was ist es dann?

"Hmm, Berufung klingt so komisch, aber im Prinzip trifft es das doch ganz gut." 

15.000 Filme im Kopf

1985 fing Rodemann bei Videodrom an, 1989 übernahm er den Laden. Wenn man ihn nach Insektenfilmen fragt, muss er nicht überlegen, sondern nur den Mund aufmachen: "Stung, Ticks, Mörderspinnen und dann natürlich noch diverse Ameisenfilme, beispielsweise Antz oder Das große Krabbeln. Hinten steht ein ganzer Ordner mit Ökohorrorfilmen." Man muss sich Rodemann als einen bis zum Rand mit Film gefüllten Menschen vorstellen, die Innenwand seines Schädels als Leinwand, illuminiert von einem endlosen Strom aus Filmszenen. 

Es wäre eine Frechheit, all die filmischen Querverweise im Gehirn dieses Mannes, seine Eloquenz, mit dem stummen Empfehlungsalgorithmus von Netflix zu vergleichen. Abgesehen davon, dass die Auswahl bei Videodrom um ein Vielfaches größer ist. Wer sich von Rodemann beraten lässt, nimmt einen Film mit nach Hause, von dem er gar nicht wusste, dass er ihn schon immer hatte sehen wollen. Zu vielen kann er auch noch eine Anekdote erzählen, Set, Dreh, Produktionskosten, all das interessiert ihn.

Bei Videodrom hat jeder ernstzunehmende Regisseur seinen eigenen Ordner. © Alexander Krex/ZEIT ONLINE

Rodemann hat in seinem Leben etwa 15.000 Filme gesehen, schätzt er. Fast alle bis zum Schluss, weil er findet, dass man einem Film Zeit geben muss. Sein Filmgedächtnis ist dehnbar, er glaubt nicht, dass für jeden neuen, den er sieht, ein alter aus seinem Gedankenarchiv fällt. Falls doch, wäre es ihm lieb, wenn es eine romantische Komödie à la Matthias Schweighöfer träfe, die mag er nicht so.

Ansonsten mag Rodemann sehr viel, trashige Monsterfilme aus den Fünfzigern zum Beispiel, in denen Styroporbestien Styroporstädte verwüsten, er liebt den Film Noir, dessen Vertreter er schon sehr früh auf einem eigenen Fernseher im Kinderzimmer gesehen hat. Genauso viel liegt ihm an elaborierten Kunstfilmen. Vor ein paar Tagen hat er den deutschen Experimentalfilm Reflektorische Farblichtspiele von 1922 gekauft, obwohl er wusste, dass er damit kein Geld verdienen wird. Was ihn interessiert kommt ins Programm, er ist da kompromisslos.

Inzwischen umfasst das Archiv von Videodrom rund 32.000 Filme, jeden Monat kommen mindestens 100 neue dazu. Rodemann hat Millionen von Filmminuten im Rücken, auf DVD, Blu-ray und ein paar VHS-Kassetten. Von den Filmen der Brüder Lumière aus dem Jahr 1895, den ersten überhaupt bis zu den neuesten US-Serien, von denen er momentan oft Mr. Robot empfiehlt, ein Hacker-Drama. Wollte man sie alle sehen, einen pro Tag, wäre man 87,5 Jahre beschäftigt. So eine Masse führt einem auch die eigene Endlichkeit vor Augen, sie kann erschlagen. Aber nicht Rodemann. Er genieße die Möglichkeit, jederzeit alles sehen zu können, sagt er und zitiert das inoffizielle Videodrom-Motto: "Zu viel ist nie genug."

Seminar über Trashfilme

Viele seiner Kunden haben mit Film zu tun, Regisseure oder Drehbuchschreiber kommen, weil Rodemann fast alles hat und fast alles weiß. Wenn ihm wirklich mal ein Filmtitel entfallen ist, ruft er seine Freundin an. Die arbeitet auch bei Videodrom. Seine Expertise hat ihm vor Kurzem sogar einen Job als Dozent an der Universität Hildesheim eingebracht. Am Institut für Medien und Theater gibt er Seminare über Trashfilme und Mockumentarys, oder er vergleicht die Produktionsbedingungen in Deutschland und den USA.

Nur einmal wusste er nicht weiter. Da stand eine Künstlerin vor ihm und suchte Szenen für eine Videoinstallation. Sie sollten aus dem Fenster eines fahrenden Autos heraus gefilmt sein, aber nur aus dem Seitenfenster. Sie sollten Natur zeigen, in Italien, Spanien und Frankreich. Und sie sollten aus verschiedenen Jahrzehnten sein. Karsten Rodemann musste passen. Es ist eine Ausnahme geblieben.

Ein kleiner Schritt durch die Videothek, ein großer Schritt durch die Filmgeschichte. © Alexander Krex/Zeit Online

Eine Frau in Chucks und mit Umhängetasche betritt den Laden durch die Tür mit der Glasscheibe, es quietscht furchtbar, sie legt eine DVD auf die Theke, bedankt sich und ist wieder weg. Rodemann nimmt die Scheibe aus der Hülle und hält sie in Richtung Fenster, so dass sie das weiche Abendlicht reflektiert. "Ist mir immer wieder ein Rätsel", sagt er, "wie Kunden es schaffen, so viele Fingerabdrücke auf einer DVD zu hinterlassen". Er wischt mit einem Tuch über die Scheibe, haucht sie an, wischt wieder, hält sie noch einmal ins Licht. Es gibt Dinge, die Rodemann nicht abkann, zum Beispiel, wenn Kunden seine Filme nicht ordentlich behandeln.

Und Kino, einfach zu nervig, sagt er, er hat lieber seine Ruhe. Wenn Rodemann zu Hause einen Film ansehen will, zieht er die Vorhänge mit Kunststoffbezug zu, absolut lichtdicht. Der Nachteil ist, dass das ganze Wohnzimmer nach Gummi stinkt, wenn die Sonne drauf knallt. Er kann damit leben.

Im Film fällt es ihm nicht so leicht, Unstimmigkeiten auszublenden. Wenn etwa Michel Gondry, dessen Detailversessenheit er sonst sehr schätzt, in Be Kind Rewind einfach darüber hinweg geht, dass man die Löschlasche überkleben muss, bevor man eine VHS-Kassette aus der Videothek überspielen kann, dann ist das nicht okay. "Dass Gondry das nicht gezeigt hat, ist so eine Kleinigkeit, die mich, als jemand, der mit Videos groß geworden ist, geärgert hat. Das wäre ja nur eine kleine Einstellung gewesen: Man nimmt ein Stück Tesafilm und klebt den über die Löschlasche. Das hat mir komplett den ganzen Film kaputt gemacht."

Klar, so eine Löschlasche ist nur ein Detail, ein winziges sogar, vielleicht eineinhalb Sekunden Film. Aber Karsten Rodemann kann nicht verstehen, warum es fehlt. Es geht einfach nicht in seinen Kopf.