"Erst wenn alles vorbei ist, denkt man: Was hast du denn da gemacht?" Annette Reeker schmunzelt. Gerade hat sie auf dem Münchner Filmfest Cape Town vorgestellt, eine sechsteilige Thriller-Serie, die im südafrikanischen Kapstadt spielt. 

Als Reeker mit ihrer Idee zum ersten Mal an Sender und Vertriebsfirmen herantrat, lautete die Antwort: "Klingt interessant, aber kommen Sie doch wieder, wenn Sie weiter sind." Reeker war eine etablierte TV-Macherin, sie hatte die Comedy-Sendung Switch entwickelt und die Taunuskrimis von Nele Neuhaus fürs Fernsehen adaptiert. Doch das galt im internationalen Geschäft wenig. "Wir hätten etwas einbringen müssen, was den Erfolg garantiert. Das konnten wir aber nicht. Wir hatten keinen Showrunner wie die amerikanischen oder skandinavischen Produktionen. Wir hatten nur mich."

Produziert hat die 59-Jährige schließlich auf eigene Faust, mit ihrer Münchner Firma all-in-production, ohne großen Sender oder Fördermittel im Rücken. "Es war ein unglaublich riskantes Projekt." 

Autorin, Agenturchefin, Produzentin

Liest man Reekers Lebenslauf, könnte man daran zweifeln, dass es sich wirklich nur um eine Person handelt und nicht um mehrere Frauen gleichen Namens. Studium der Katholischen Theologie, Ausbildung zur Sexualpädagogin, wissenschaftliche Mitarbeiterin für Sozialpolitik in der ersten Legislaturperiode der Grünen im Deutschen Bundestag, Journalistin, Autorin, Agenturchefin, Produzentin. Und nun: Showrunnerin einer internationalen Krimiserie. Wenn man eine rote Linie durch diese Biografie ziehen möchte, ist es wohl: Neues versuchen.

Die Idee zu Cape Town kam Reeker, als sie den Roman Der traurige Polizist von Deon Meyer las, der als "Henning Mankell Südafrikas" gilt. "Zunächst mal war das ein ganz guter Reiseführer", erinnert sie sich, "man findet alle Straßen wieder. Und ganz subtil bekommt man auch Informationen über die politische Situation im Land." Als Meyers Roman 1996 erschien, lag das Ende der Apartheid gerade mal zwei Jahre zurück, Südafrika war ein Land der langsam verheilenden Wunden. Meyer, Nachfahre der Buren, der einstigen Machtelite, erzählt von einem weißen hard-boiled detective in einer mehrheitlich schwarzen Gesellschaft.

2010 erwarb Reeker die Rechte an Meyers Büchern. Für die Verfilmung wollte sie die Romanvorlage in die Gegenwart versetzen. Dafür musste sie die Gesellschaftsstruktur ans heutige Südafrika anpassen. Als Reeker die erste Staffel von Cape Town schrieb, lebte sie selbst für eine Weile in Kapstadt. Doch sie kennt das Risiko, das ein so ferner Schauplatz birgt: "Es nützt nichts, wenn ich mich gut auskenne, aber der deutsche Zuschauer nichts von den Verhältnissen in Südafrika weiß." Daher baute sie Brücken, aus der fremden Welt in die vertraute. Das Ziel: die realen Verknüpfungen zwischen Europa und Südafrika in die Geschichte einarbeiten.

"Auf der Suche nach einer neuen Identität"

Ein Handlungsstrang dreht sich nun um junge, osteuropäische Frauen, die mit der Hoffnung auf eine Modelkarriere in die Modemetropole Kapstadt kommen und dort in der Prostitution enden. Außerdem erfand Reeker einen ehemaligen Stasi-Major (Axel Milberg), der die seit Ende der Apartheid laufende Rückübertragung von Landrechten an Schwarze regelt und dabei die einzelnen Parteien gegeneinander ausspielt. "Die Figur habe ich mir ausgedacht, aber sie ist absolut wahrscheinlich", sagt Reeker. "Kapstadt war immer schon Anziehungspunkt für Europäer: Buren kamen hierher, Engländer, Juden, Nazis und später eben Stasi-Leute auf der Suche nach einer neuen Identität."

Mat Joubert (Trond Espen Seim) und sein Partner Sanctus Snook (Boris Kodjoe) © FILMFEST MÜNCHEN 2016

Cape Town ist rasant und hart erzählt, mit einem gebrochenen Helden im Mittelpunkt. Mat Joubert muss über den gewaltsamen Tod seiner Frau, die ebenfalls Polizistin war, hinwegkommen. Gemeinsam mit seinem schwarzen Partner Sanctus Snook, einem ehemaligen Kollegen seiner Frau, ermittelt er in zwei grausamen Mordserien: Opfer sind osteuropäische Models und Männer, die mit den Masken Prominenter am Tatort gefunden werden.

Gemeinsam mit ihrem Regisseur Peter Ladkani fragte Reeker die Schauspieler an. Und plötzlich ging alles sehr schnell. Sie bekam eine Zusage nach der anderen. Die beiden Hauptrollen spielen der norwegische Serien-Star Trond Espen Seim (Der Wolf) und der Deutsche Boris Kodjoe (Resident Evil). Plötzlich meldete ein amerikanischer Vertrieb Interesse an und schließlich fanden sich auch Privatinvestoren. "Es war ein glücklicher Domino-Effekt", sagt Reeker, "verbunden mit einem gewissen Maß an Selbstausbeutung." Außerdem war in der Zwischenzeit die Nachfrage nach horizontal erzählten Stoffen enorm gestiegen.

Warum es immer noch vergleichsweise wenige deutsche Serien gibt? Weil das klassische Fernsehen hierzulande so stark ist, glaubt Reeker. "Der Zuschauer wird relativ gut bedient. Und wem das lineare Programm nicht reicht, der findet international genug." Es bestehe einfach keine Not, "niemand wartet auf deutsche Serien". Sie selbst hat sich davon nicht abhalten lassen. Doch Reeker ist eben auch keine Frau, die wartet, bis das Publikum etwas erwartet.

"Cape Town" läuft ab Montag, 4. Juli, um 21.00 Uhr auf dem Pay-TV-Sender 13th Street