Der Retter des deutschen Kinos trägt eine Zottelperücke und hässlich schiefe Zähne. Toni Erdmann ist ein Sonderling, ein Typ zum Fremdschämen, und er ist der Held aus Maren Ades gleichnamiger Tragikomödie. Mit ihr verzückte die Regisseurin kürzlich in Cannes die internationalen Filmkritiker. Allerorten entfachte sie Begeisterungsstürme, erst recht in der heimischen Presse. Dabei ist Toni Erdmann nur einer von mehreren aufregenden Filmen aus Deutschland, die uns das Kinojahr 2016 schon beschert hat. Vom dröhnenden Stroboskopspektakel bis zur elegischen Künstlerbiografie, vom melancholischen Boxerdrama bis zum lustvollen Wolfwerdungsfilm: So wild und experimentierfreudig wie zurzeit hat sich das deutsche Kino lange nicht mehr gezeigt. Und so weiblich überhaupt noch nie.

Allen voran geht Maren Ade, die nach zwei Berlinale-Bären für ihr Beziehungsdrama Alle anderen nun auf dem wichtigsten Filmfest der Welt mit einhelligem Jubel reüssierte. Ein Fachmagazin errechnete für Ades Toni Erdmann 3,7 von 4 möglichen Punkten – die beste jemals in Cannes erreichte Kritikerwertung. Zum Entsetzen vieler gewann der Film am Ende keine Palme, sondern lediglich den Kritikerpreis, wurde aber bis heute, zehn Tage vor seinem Start in Deutschland, bereits in mehr als 50 Länder verkauft.

Mit Toni Erdmann ist Ade ein kluger Konsensfilm gelungen, eine unterhaltsame Vater-Tochter-Geschichte. Er ist Musiklehrer mit dem Hang zu kindischen Scherzen, sie eine chronisch überspannte Unternehmensberaterin. Mit dieser Ausgangslage hätte man auch krachend scheitern können, doch Maren Ade bleibt absolut stilsicher. Ihr Humor entspringt der Tragik und ihre Szenen inszeniert Ade mit einer Präzision, die an Loriot erinnert. Wie bei Vicco von Bülow lautet das Erfolgsgeheimnis hinter dem Witz: perfektes Timing. Jede peinliche Pause ist hier exakt so lang, wie sie sein muss, jedes Zögern sitzt.

Stilsicherheit zeichnet auch die faszinierenden Filme zweier weiterer Regisseurinnen aus: Wild von Nicolette Krebitz und Vor der Morgenröte von Maria Schrader. Krebitz erzählt von einer introvertierten jungen Frau, die nach der Begegnung mit einem Wolf ihre eigene Triebnatur entdeckt. Schrader zeigt Stationen aus den letzten Lebensjahren des Schriftstellers Stefan Zweig und entwirft dabei das Porträt eines idealistischen, doch niemals ideologischen Denkers. So unterschiedlich beide Filme auch daherkommen – hier das intime Kammerspiel, dort das figurenreiche Epochenbild –, so verbindet sie doch ihre besondere Eindringlichkeit und die Nähe, die sie zu ihren Protagonisten aufbauen.

Schraders Werk ist dabei kaum weniger als eine cineastische Offenbarung. Selten kam ein historischer Film derart gegenwärtig daher, unmittelbar und lebensnah. Da reden Leute am Esstisch so wild durcheinander, wie das in Wirklichkeit eben geschieht, ohne Rücksicht auf Zuschauer. Andere Szenen wirken in ihrer tändelnden Länge fast beiläufig, zumindest aber unaufdringlich. Dazu ein brillant aufgelegter Josef Hader in der Hauptrolle des Stefan Zweig, ein Freigeist, der durchdrungen ist von einer beinahe naiven Liebe zu Mensch und Tier und dem Glauben an die Unkorrumpierbarkeit der Kunst.

"Frauen suchen sich oft andere Stoffe als Männer", sagt Maren Ade, "psychologischere". Diese Erfahrung hat sie mit ihrer Firma Komplizen Film selbst gemacht. Zuletzt produzierte Ade Hedi Schneider steckt fest von Sonja Heiss, einen erstaunlich beschwingten Film über eine junge Mutter mit Panikattacken, der Tragik und Komik ähnlich virtuos verquickt wie nun Toni Erdmann.

Ade und ihre beiden Mitstreiter produzieren auffallend viele Filme aus weiblicher Feder. Braucht es dennoch eine verbindliche Frauenquote? Sie wäre durchaus sinnvoll, sagt Ade, "einfach um ein Bewusstsein zu schaffen". Dafür, dass das Geschlechterverhältnis unter angehenden Regisseuren an den Filmhochschulen noch halbwegs ausgeglichen sei, später jedoch mehrheitlich Männer in dem Beruf arbeiten. Man müsse herausfinden, "wo die Frauen verlorengehen".

Ein Problem sei der übliche Karriereknick durch Elternzeit, glaubt Ade, selbst zweifache Mutter. "Oft werden Leute mit bündiger Vita gesucht." Eine andere Vermutung äußert Annette Reeker, Fernsehproduzentin und Showrunnerin der Crime-Serie Cape Town: "Braucht man Kreativpartner, sucht man automatisch erst mal nach Männern, weil die im Markt so dominant sind." Und wenn schon sie selbst als Frau eine derart verengte Sicht an sich bemerke, so Reeker, dann sei diese bei männlichen Produzenten mit Sicherheit ein noch größeres Problem.

Was heißt schon deutsch?

Im Moment scheint eine Frauenquote allerdings gar nicht nötig zu sein, das legt ein Blick nach München nahe. Dort lief gerade das 34. Filmfest, Toni Erdmann eröffnete es, und die interessantesten Filme der Sektion Neues deutsches Kino stammten von Frauen. Sogar der bisher männlich geprägte German Mumblecore, der sich durch kleine Budgets und improvisierte Dialoge auszeichnet, hat mit Luise Brinkmann nun eine neue, weibliche Vertreterin. Ihr Liebesfilm Beat Beat Heart entlockt seinen geringen Mitteln den Charme des Unverbrauchten, wie man ihn schon von den Regisseuren Axel Ranisch (Alki Alki) oder Jakob Lass (Love Steaks) kennt.

Doch was ist überhaupt ein deutscher Film? Wird er finanziert mit deutschem Geld? Gedreht von einem deutschen Regisseur? Besetzt mit deutschen Schauspielern? Oder geht es allein um die Sprache des Films?

In drei der stärksten deutschen Beiträge beim Münchner Filmfest wurde Kurdisch beziehungsweise Rumänisch gesprochen (und alle drei Filme stammen übrigens von Regisseurinnen). Der Mut, den Soleen Yusef und ihr Team für das Drama Haus ohne Dach aufgebracht haben, war weniger ein künstlerischer, als vielmehr ein existenzieller. Denn während der Arbeit an dieser kurdischen Familiengeschichte entbrannten in der Region Kämpfe zwischen den Peschmerga und dem IS. Yusef musste ihr Drehbuch umschreiben, die Förderung durchs kurdische Kultusministerium brach weg, schließlich drehte man im Irak in der unmittelbaren Nähe eines Minengebiets. Auch so können Entstehungsgeschichten von deutschen Filmen aussehen.

Nur belangloser Mainstream oder freudlose Filmkunst?

Misst man den Erfolg des deutschen Kinos an den jüngsten Ausgaben der drei großen europäischen Festivals, muss das Urteil jedoch noch bescheiden ausfallen. Bis Toni Erdmann kam, war acht Jahre lang keine mehrheitlich deutsche Produktion im Wettbewerb von Cannes vertreten. Auch in Venedig hatte es im vergangenen Jahr kein eigener Beitrag ins Rennen um die Löwen geschafft. Und selbst beim Heimspiel, auf der diesjährigen Berlinale: so wenig deutsche Filme wie noch nie; gerade mal einer im Wettbewerb. Der hatte es indes in sich.

Während seiner Pressevorführung trieb 24 Wochen den Kritikern Tränen der Ergriffenheit in die Augen, anschließend wurde kontrovers diskutiert. Im Film steht ein Paar (Julia Jentsch und Bjarne Mädel) vor der heiklen Entscheidung, ob sein ungeborenes Kind trotz schwerer Behinderung auf die Welt kommen soll oder nicht. Der Film, der im September in den Kinos anläuft, erzählt sein moralisches Dilemma, die Entscheidung über Leben und Tod, äußerst differenziert, aber auch sehr drastisch. Nahe geht er unter anderem deshalb, weil Regisseurin Anne Zohra Berrached echte Ärzte agieren lässt, die den werdenden Eltern in improvisierten Dialogen medizinische Details erklären. In ihrer Funktion als Ärzte antworten sie auf ernst gemeinte Nachfragen der Schauspieler, die Grenze zwischen Fiktion und Realität wird hier durchlässig.

Experimente mit dem Medium

Es sind auch solche Experimente mit dem Medium selbst, mit seinen Erzählweisen, die das deutsche Kino derzeit so spannend machen. Nicht in der Breite, wohl aber in der Spitze. Trotzdem leidet der deutsche Film noch immer unter seinem schlechten Ruf, gerade in der Heimat. Belangloser Mainstream auf der einen Seite, freudlose Filmkunst auf der anderen, dazwischen nicht viel, lautet eine weitverbreitete Ansicht.

Größere Anerkennung wurde deutschen Produktionen zuletzt auf dem nordamerikanischen Kontinent zuteil. Beim Independent-Film-Festival von Sundance gewann im Januar Morris aus Amerika drei Preise. Der in Heidelberg spielende Coming-of-Age-Film ist eine deutsch-amerikanische Produktion mit überwiegend deutscher Besetzung. Bei der vorletzten Ausgabe des Toronto International Film Festival feierten Christian Petzolds Phoenix und Im Labyrinth des Schweigens von Giulio Ricciarelli ihre Weltpremieren, zwei Geschichten aus dem Nachkriegsdeutschland. Im vergangenen Jahr liefen dann ungleich zeitgemäßere Filme: Sebastian Schippers One-Take-Phänomen Victoria sowie Der Nachtmahr vom bildenden Künstler Akiz.

Der Filmemacher pries unlängst die befreiende Kraft des knappen Geldes. Seinen fiebrigen Nachtmahr drehte er mit weniger als 100.000 Euro, er verzichtete auf zusätzliche Beleuchtung und setzte konsequent Weitwinkel ein, was seinem Monsterfilm einen ganz eigenen, sehenswerten Look gab. Für sein Kindodebüt Das wilde Leben über die Kommunardin Uschi Obermaier hatte Akiz schon einmal ein deutlich größeres Budget zur Verfügung (damals drehte er noch unter seinem bürgerlichen Namen Achim Bornhak). Doch die künstlerischen Kompromisse, zu denen eine Großproduktion zwingt, verleideten ihm diese Erfahrung. Deshalb entschied sich Akiz diesmal für die selbstbestimmte No-Budget-Variante. Fehlendes Geld muss kein Grund mehr sein, ein Filmprojekt zu begraben.

Vergeblich auf Fördermittel hoffte auch die mongolisch-deutsche Regisseurin Uisenma Borchu. Ihr Debütfilm Schau mich nicht so an über eine lesbische Liebschaft wurde von filmfördernder Stelle als "zu radikal, zu sexuell und zu weiblich" abgetan, wie die Regisseurin auf dem Münchner Filmfests erzählte. Den Film drehte sie trotzdem, im Juni feierte er seinen Kinostart.

Geht auch mal gut: Kühe statt Pferde

Je weniger finanzielle Unterstützung ein Film erhält, desto mehr Selbstausbeutung aller Beteiligten ist notwendig. Nur im besten Fall entfaltet sich dabei kreatives Potenzial. Darum weiß auch Aron Lehmann. In seinem Debüt Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel von 2012 werden einem Regisseur namens Lehmann sämtliche Fördermittel gestrichen, woraufhin er seinen Historienfilm mit höchster Improvisationskunst realisiert, Pferde durch Kühe ersetzt und Soldaten durch Bäume. Es war eine Fiktion mit hohem Wirklichkeitsgehalt.

In München stellte Lehmann nun seinen neuen Film Die letzte Sau vor. Es ist der dritte, nachdem er zwischenzeitlich aus dem Independentfach zum Branchenriesen Warner gewechselt war und dafür Schelte einstecken musste. "Es ist eine deutsche Krankheit", beklagt sich Lehmann, "nur in den Schubläden 'Kunst' und 'Mainstream' zu denken."

Doch zwischen diesen Polen bewegt sich zwangsläufig, wer einen Film vermarkten will. Welche Zielgruppe soll erreicht werden? Wie spricht man sie an? Fragen, die sich Anatol Nitschke stellt. Als Verleiher hat er kürzlich Thomas Stubers Film Herbert in die Kinos gebracht, auch der feierte seine Weltpremiere in Toronto. Zwar gewann das Drama bei den diesjährigen Lolas den Filmpreis in Silber, Peter Kurth dazu noch einen Darstellerpreis für seine Rolle als nervenkranker Ex-Boxer, doch an den Kinokassen floppte Herbert gewaltig: nur wenige Tausend Zuschauer wollten den Film bislang sehen. Nitschke, halb zynisch, halb ernst, meint den Grund solcher Enttäuschungen zu kennen: "Es gibt viel zu viele Filme und zu viele Studierende an zu vielen Filmhochschulen." Allein 2015 kamen 226 deutsche Filme in die Kinos, inklusive Koproduktionen, im Durchschnitt also mehr als vier pro Woche. Zugleich erzielte der heimische Film mit 27,5 Prozent den höchsten Marktanteil gegenüber ausländischen Produktionen seit Erfassung der Besucherzahlen. Klingt das nicht nach Erfolg? Von wegen.

Die guten Zahlen des vergangenen Jahrs verdankte der deutsche Film zwei Blockbustern: Die Komödien Fack Ju Göhte 2 und Honig im Kopf lockten zusammen fast 15 Millionen Zuschauer in die Kinos. Nur sieben andere Filme knackten noch die Millionenmarke, insgesamt also nicht mal vier Prozent aller deutschen Produktionen. Zum Vergleich: Das Drama Der Staat gegen Fritz Bauer, kürzlich mit sechs Deutschen Filmpreisen ausgezeichnet und zum besten Film des Jahres gekürt, sahen weniger als 300.000 Kinobesucher.

Anspruchsvolle Filme zu stärken, ist deshalb ein erklärtes Ziel der Bundesregierung. Im Februar versprach Kulturstaatsministerin Monika Grütters zusätzliche 15 Millionen Euro für die "kulturelle Filmförderung". Ausgewählte Spiel- und Dokumentarfilmprojekte sollen damit unterstützt werden, vor allem deren Drehbuchentwicklung. Insgesamt werden künftig weniger Filme als bisher subventioniert, diese aber mit mehr Geld. Kritik an dieser Umschichtung kam vom Bundesverband Regie. Dort fürchtet man, dass künstlerisch ambitionierte Filme mit kleinen Budgets nun auf der Strecke bleiben.

Auch Maren Ade versichert, ihr liege der "radikale, künstlerische Autorenfilm" am Herzen. Sie ist gespannt, was sich durch die zusätzlichen Fördermittel verändern wird. Wird er den Höhenflug des deutschen Autorenfilms fortsetzen? Geld, sagt Ade, habe ihr jedenfalls dabei geholfen, Toni Erdmann auf ein höheres Level zu bringen.