Mörderland ist ein Film in Braun- und Sepiatönen. Die Äcker sind braun, die Autos sind braun, die Hemden sind zumeist auch braun. Die Gesichter sind verschattet. Ein Schleier scheint über dieser Welt zu liegen; es ist ein Schleier aus Angst, Verunsicherung, Duckmäusertum. Dahinter lauert die Brutalität. In den Anfangsszenen wird die Landschaft rund um das andalusische Städtchen Villafranco del Guadalquivir auf höchst kunstvolle Weise von oben betrachtet. Die Felder, Flussarme und Kanäle, die gesamte Geografie formiert sich in diesen Bildern auf frappierende Weise zu menschlichen Organen: Hirn, Lungenlappen, Herz. Sie wird zu einem bedrohlichen, lebendigen Gebilde, durchzogen von feinen Nervenbahnen.

Mörderland, der in Spanien mehrfach ausgezeichnete Film des Regisseurs Alberto Rodríguez (der auch das Drehbuch schrieb), ist zunächst ein sehr guter, fesselnder und atmosphärisch dicht gewobener Krimi. Im September 1980 werden der junge Kriminalbeamte Pedro (Raúl Arévalo) und sein älterer Kollege Juan (Javier Gutiérrez) von Madrid nach Südspanien beordert, um das Verschwinden zweier Schwestern aufzuklären. Die beiden Mädchen, 16 und 17 Jahre alt, sind nicht die ersten Vermissten im Ort; zwei weitere Mädchen sind in den Jahren zuvor verschwunden. Im Fall der Schwestern sagt man: "Die amüsierten sich gern." Oder: "Das waren Flittchen." Die Mädchen wollten weg, in ein besseres, urbanes Leben. In ihrem Zimmer findet sich eine Broschüre: "Willkommen in der Arbeitswelt." Dort werden sie allerdings nicht mehr ankommen. Nach und nach enthüllen die Ermittlungen der beiden Kriminalpolizisten, was mit ihnen geschehen ist. Es ist eine grausame und traurige Geschichte, eine Geschichte voll von Versehrungen, Vergewaltigungen und anderen Brutalitäten.

Pedro und Juan mögen sich nicht. Und es ist von Beginn an zu spüren, dass es mehr als eine persönliche Abneigung ist, die die beiden trennt. Es ist etwas Größeres, Einschneidenderes. Fast hat man den Eindruck, als gehörten die beiden Männer unterschiedlichen Welten an, und genau betrachtet ist dem auch so: Mörderland ist nicht nur ein ungemein spannender Krimi, sondern auch – und das ist das so Faszinierende wie Beklemmende an diesem Film – das Porträt eines tief verstörten Landes nach vier Jahrzehnten Diktatur. Franco ist seit fünf Jahren tot; die ersten freien Wahlen liegen drei Jahre zurück und an jeder Ecke, in jedem Gespräch, in jedem Gesicht ist die Unsicherheit ablesbar. Im Hotelzimmer der beiden Kriminalpolizisten hängt ein Kreuz, darin sind kleine Fotografien integriert. Von Franco, versteht sich. Aber auch von Mussolini und Hitler.

Mörderland zeigt eine Gesellschaft, die die moralische Korruption des faschistischen Regimes noch nicht abgestreift hat. Ein Staat, der sich selbst noch nicht ganz sicher darüber ist, was er nun eigentlich geworden ist. "Wir leben jetzt in einem anderen Land", sagt der Bürgermeister des Dorfes zu den beiden Polizisten. Es klingt weder überzeugt noch überzeugend. Das Umfeld, in dem die beiden Kriminalpolizisten sich bewegen, ist ein geschlossener Raum mit eigenen Gesetzen.

Ungeheuerlich ist Javier Gutiérrez' Charakterzeichnung des zwielichtigen Polizisten Juan. Gerüchte ranken sich um ihn: Er soll Mitglied der Brigada Político-Social gewesen sein, raunt man, jener Unterabteilung des francistischen Geheimdienstes, der für die Überwachung, Folterung und Eliminierung oppositioneller Gruppen verantwortlich war. Er soll während einer Demonstration zwei Menschen auf offener Straße erschossen haben. Man traut diesem Mann, der zwischen frettchenhafter Gewandtheit und stählerner Härte changiert, alles zu. Er säuft, raucht und hurt am Abend und schüchtert am nächsten Morgen allein mit seinem stechenden Blick Zeugen ein.

Nicht nur die Einheimischen und die beiden Polizisten spielen ein Katz-und-Maus-Spiel, sondern auch Pedro und Juan selbst sind in einen Machtkampf verstrickt, ohne dass dies in plakativen und aufgesetzten Streitgesprächen thematisiert werden müsste. Vieles läuft in Mörderland unterschwellig ab, in unbewussten Gesten. Bei allem Tempo der äußeren Handlung ist Mörderland ein psychologisch fein und subtil ausgearbeiteter Film. Und über allem liegt die unverwechselbare Ästhetik der ausgehenden 1970er und anbrechenden 1980er Jahre, die hier keine nostalgische Staffage ist: Die Gegend, die da in abgetönten, verblassten Farben gezeigt wird, ist eins mit ihren Bewohnern.