Die Stadt macht ihre Verbrecher und sie macht ihre Polizisten. Manchester war schon immer ein beliebter Schauplatz für britische Crime-Serien: Coronation Street, Life on Mars oder Für alle Fälle Fitz. Und auch die achtteilige Channel-4-Produktion No Offence, die jetzt auf ZDFneo zu sehen ist, spielt in der nordenglischen Stadt, die noch vor wenigen Jahren wegen der hohen Zahl der Waffendelikte Gunchester hieß. Heute liegen in Manchester extremer Reichtum und große Armut so nahe beieinander wie in nur wenigen britischen Städten. In No Offence geht es um die Menschen, an denen der jüngste Aufschwung der Stadt vorübergegangen ist. Die Ermittler bekommen es mit den ganz harten Themen zu tun: häusliche Gewalt, Organhandel, Verkauf gepanschter Drogen. Die düsteren Zustände werden allerdings mit britischem Humor und Einfallsreichtum, mit Eigensinn und Zielstrebigkeit abgefedert.

Detective Constable Dinah Kowalska (Elaine Cassidy), alleinerziehende Mutter polnischer Abstammung, reagiert mit zäher Widerspenstigkeit auf die Härten ihrer Stadt und ihres Berufs. Ihre zierliche Gestalt lässt sie sehr viel verletzlicher aussehen als sie in Wirklichkeit ist. Schon in der ersten Szene der Serie erledigt sie gleich zwei Männer. Ihr Date wirft sie aus dem Taxi und streift dann die Pumps ab, um einen gesuchten Kindermörder zu verfolgen. Als der sich auf der Flucht hämisch zu seiner Verfolgerin umdreht, wird er von einem Bus erfasst. Es macht ein ziemlich scheußliches Geräusch, als die dicken Räder seinen Kopf überrollen, den Rest erledigt die Vorstellung. Dass es in dieser Serie etwas deftiger zugeht, verrät bereits der Titel: No Offence heißt übersetzt "Nichts für ungut."

Frustration wird mit subversivem Humor gekontert

Zimperlichkeit kann sich niemand leisten, wenn es um die blanke Existenz geht in der unterbesetzten und unterfinanzierten fiktiven Friday Street Station, die in einem heruntergewirtschafteten viktorianischen Ziegelbau liegt.

Der Serienautor Paul Abbott stellt in No Offence gleich drei Frauen an die vorderste Front der Verbrechensbekämpfung: Dinah Kowalska, ihre wuchtige Chefin Vivienne Deering (Joanna Scanlan) und die scheue Joy Freers (Alexandra Roach), die sich zaghaft vortastet in die neue Position als Sergeant, die ihr gerade überraschend übertragen wurde.

Paul Abbott liebt Helden, die keine Chance haben und sich dann umso entschiedener behaupten. Ruppige Kämpfer mit losem Mundwerk, die sagen, was sie denken, ohne Rücksicht auf Anstand und Moral. Die auf den ersten Blick düpieren, nur um sich alsbald durch die Hintertür ins Herz zu schleichen, mit überraschender Warmherzigkeit und hinreißendem Humor. Er hat einige Folgen um den depressiven, spielsüchtigen, saufenden und kettenrauchenden Profiler Eddie Fitzgerald in Für alle Fälle Fitz geschrieben. Und die transsexuelle Auftragskillerin Mia in Hit and Miss erschaffen, die mit ihrem elfjährigen Sohn aus ihrem früheren Leben als Mann konfrontiert wird. Und natürlich die Gallaghers, die sich in Shameless durch den Arbeitslosenalltag in Manchester kämpfen.

Abbot liebt diese Helden, weil er selbst einer von ihnen ist. Aufgewachsen in der Kleinstadt Burnley, etwa 50 Kilometer von Manchester entfernt, in einem winzigen Haus ohne Badezimmer. Die Großfamilie war auf Sozialhilfe angewiesen, die sechs Brüder teilten sich einen Raum, der Vater war gewalttätiger Alkoholiker, die Schwester mit sechzehn schwanger. In einer Familie mit hoher Analphabetenrate war das Schreiben für Abbott zugleich Fluchtmöglichkeit und Überlebensstrategie. Schon in Shameless konterte er Frustration und Aussichtlosigkeit auf sehr englische Weise mit subversivem Humor. In No Offence verbindet er das nordbritische Soziotop mit der detailversessenen Recherchearbeit der ebenfalls von ihm erdachten Miniserie State of Play, in der sich ein Reporter zäh durch den Politiksumpf recherchierte.