Das Walkie-Talkie ist so lang wie sein Unterarm. Es ist alles, woran sich der elfjährige Mike  (Finn Wolfhard) festhalten kann, als sein Freund Will (Noah Schnapp) aus dem Gerät spricht. Schließlich liegt dessen Leiche in der Autopsie.

Und es passiert noch mehr Unerklärliches, 1983, in der Kleinstadt Hawkins in Indiana: Während Will, der für tot gehalten wird, mit seiner Mutter Joyce (Winona Ryder) und seinen Freunden auf übersinnliche Weise kommuniziert, taucht ein kahlgeschorenes Mädchen (Millie Bobby Brown) auf, das sich Eleven nennt. Es ist offenbar aus einem dubiosen Forschungszentrum der CIA geflohen, jedenfalls verfügt sie über beeindruckende telekinetische Fähigkeiten. 

Die neue Netflix-Serie Stranger Things changiert zwischen Mysteryfilm, Teenie-Slasher und High-School-Drama und ist eine Schatzkiste für 1980er-Jahre-Film-Fans. Man kann die Referenzen gar nicht alle aufzählen: E.T., Stand by Me, Die Goonies, Carrie, Alien, Poltergeist, Der Blob und natürlich Nightmare on Elm Street. Die Serie sei wie "die Show, die Steven Spielberg und Stephen King niemals gemacht haben", schreiben amerikanische Kritiker. 

Nichts erinnert mehr an Winona Ryders Rehäugigkeit

Die Jungs, die Rollenspiele spielen und auf ihren BMX-Rädern durch neblige Wälder rasen, das Mädchen, das Kraft seiner Gedanken Dinge bewegen kann, ein Plakat von Der weiße Hai an der Wand – etliche Bilder führen den Zuschauer zurück in die eigene Filmsozialisation. Und auch ein Star der achtziger Jahre darf in dieser Serie wieder auferstehen: Winona Ryder, die lange Zeit nur mit privaten Ausfällen in die Schlagzeilen rutschte, ist hier in ihrer ersten großen Rolle seit dem Film Durchgeknallt von 1999 zu sehen. Nichts erinnert mehr an ihre einstige Rehäugigkeit; mit hochgezogenen Schultern und in gebückter Haltung spielt sie die alleinerziehende Mutter zweier Söhne, die stets kurz vor dem psychischen Zusammenbruch steht und nun beweisen will, dass ihr Sohn Will nicht tot ist.

Sie sieht ihn, in der Wand des eigenen Hauses, gefangen in einem glibbrigen Etwas, aus dem Will sich nicht befreien kann. Wie eine Berserkerin hackt Joyce mit der Axt in die Pappschachtelwände, doch sie erreicht ihren Sohn nicht. Durch das Loch in der Fassade scheint ihr nur die Sonne unbarmherzig ins Gesicht.

Das Böse, das die Kinder greift und im eigenen Haus als Gefangene hält, ohne dass die Eltern sich ihnen nähern können, ist ein bekanntes Motiv: Poltergeist, der populäre Achtziger-Jahre-Horrorfilm, spielte damit. Und natürlich ist es auch eine schöne Metapher für die unüberwindbare Kluft zwischen Eltern und Kindern, die oft genug unmittelbar nebeneinander existieren, aber wie durch eine unsichtbare Wand voneinander getrennt bleiben.

Wo ist Will? Lebt er noch? Und falls ja: als was? Diese Fragen ziehen sich durch alle acht Folgen der Serie. Mehr aber noch fragt sich der Zuschauer: Soll man dem Jungen wirklich wünschen, dass er in die Realität zurückkehrt? Welche Realität überhaupt? Alle Protagonisten in Stranger Things leben in Scheinwelten: Joyce hat einen Tunnelblick entwickelt und über die Jahre die Entwicklung ihrer beiden Söhne ausgeblendet: Will hat sich in einen Fantasy-Kosmos geflüchtet; sein älterer Bruder Jonathan versteckt sich hinter seiner Kamera und fotografiert heimlich seine Mitmenschen. Und auch Wills bester Freund Mike blendet das Mobbing seiner Mitschüler aus, indem er ein Parallelleben zwischen Rollenspielfiguren, Star-Wars-Helden und dem Technikraum der High School führt.