"Träumt das Internet von sich selbst?" Auf die Frage muss man erst mal kommen. Die beiden amerikanischen Hirnforscher, denen sie gestellt wird, schweigen erst mal amüsiert. Das ist eine der typischen Reaktionen, die Werner Herzog bei seinen Gesprächspartnern auslöst, nicht nur in seinem neuesten Dokumentarfilm. Der heißt Lo And Behold und handelt vom Internet, dessen Ursprüngen, Gegenwart und Zukunft. Selbstverständlich nur im weitesten Sinne, denn sonst wäre es kein Herzog-Film: Die handeln ja immer im weitesten Sinne von irgendwas.

"Gute Frage", sagt Tom Mitchell, nachdem er sich von ihr erholt hat. Die Antwort, die der Hirnforscher von der Carnegie Mellon University in Pittsburgh schließlich liefert, ist so kompliziert, wie sie für einen Wissenschaftler sein zu hat. Sie läuft auf Folgendes hinaus: Im Prinzip erfüllt das Internet heute schon eine von zwei Grundbedingungen, die man für die Fähigkeit des Träumens voraussetzt – das Netz produziert ebenso wie das menschliche Hirn im Zustand des Träumens unvorhersehbare Muster. Die zweite, wichtigere Bedingung erfüllt es aber nicht. Es verfügt nicht über das, was man Bewusstsein nennt. Doch so ein Bewusstsein könne dem Netz ja noch wachsen, man möchte da nichts ausschließen. 

Schon ist Herzog bei der nächsten Frage, der nach der künstlichen Intelligenz, deren Siegeszug gerade erst beginnt (und vor der sich, wenn nicht schon heute, dann sicherlich sehr bald sehr viele Menschen fürchten werden). Nein, sagen die Forscher, das Internet an sich stelle keine künstliche Intelligenz dar, es sei nur ein gigantisches Verbindungsnetz. Puh.

Herzogs zehn Kapitel umfassende Abhandlung über das Internet ist übervoll von talking heads. Das Erstaunliche ist, dass dieses total konventionelle Stilmittel von in die Kamera hineinlabernden Leuten hier nicht dazu führt, dass sich Lo And Behold wie eine total konventionelle Doku anfühlt. Sondern eher wie etwas, das man als filmischen Essay bezeichnen könnte, klänge der Begriff nicht so pappig.

Man sieht ihm beim Schlendern durch die Gedanken zu

Der 73-jährige Herzog, dieser große alte Außenseiter der Filmwelt, ist ein Suchender geblieben. In seinen Dokumentationen doziert er keine Gewissheiten, man schaut ihm vielmehr beim Schlendern durch seine Gedanken zu.

Dass man das so gerne tut, liegt vor allem an Herzogs Erzählerstimme. Sie klingt kratzig, mittlerweile etwas kurzatmig, aber eben auch seltsam belustigt, verträumt und unstillbar neugierig. Schon wenn Herzog Deutsch spricht mit dieser münchnerischen Grundfärbung, klingt seine Stimme fabelhaft heiter und beruhigend. Diese Wirkung verstärkt sich noch, wenn er Englisch spricht.

"Ze Internet" hat diese Stimme, in der man am liebsten baden wollen würde, längst für sich entdeckt. Das Kuriose an der Rezeption Herzogs in den vergangenen Jahren ist, dass man ihn in Deutschland immer noch mit seinen eher frühen Spielfilmen in Verbindung bringt, vor allem mit denen, die er mit Klaus Kinski gedreht hat: Aguirre, der Zorn Gottes (1972) etwa, Nosferatu (1979) und vor allem Fitzcarraldo (1982); für den Rest der Welt, vor allem den im Internet beheimateten, ist Herzog heute eine Art Netzorakel, ein sprechendes Super-Meme, millionenfach angeklickt auf YouTube.

Ist Kanye Wests neues Video Kunst? Herzog weiß es

Herzog hat zu fast allem etwas zu sagen, vor ein paar Tagen zum Beispiel zum aktuellen Musikvideo von Kanye West. Das Bestechende ist, dass seine Aussagen fast immer klug sind. Auf eine ihm eigene, überraschende und brüllkomische Weise. Erst sein Netzkommentar sicherte ab, dass Kanye Wests merkwürdiges Nacktvideo zu Famous wirklich als Kunst betrachtet werden kann, nein, sogar muss.

Dass Herzog sich nun in Lo And Behold dem Medium zuwendet, das seinen eigenen Ruhm noch mal völlig verändert hat, dem Internet, scheint auf den ersten Blick konsequent. Doch um die immer noch neuartigen Mechanismen der Ruhmproduktion und Öffentlichkeitsbildung im Netz geht es in seinem Film fast gar nicht. Nur eine kurze Sequenz mit der Kapitelüberschrift "The Dark Side" beleuchtet den Fall einer amerikanischen Familie, die zum Opfer der medialen Allgegenwärtigkeit geworden ist. Die Catsouras hatten ihre Tochter Nikki bei einem Autounfall verloren. Fotos ihres grauenhaft entstellten Leichnams, die am Unfallort von Polizisten gemacht worden waren, waren weitergeleitet und ins Netz gestellt worden. Der Vater erhielt die Bilder sogar als E-Mail. Verschickt wurden sie von Menschen, die offenbar alle Menschlichkeit verloren hatten.