Wer einen Film über die Beschaffenheit einer Jugendkultur dreht, verpflichtet sich zur Abgrenzung. Man richtet sich an einen Kreis der Eingeweihten und zugleich gegen einen sehr viel größeren Kreis, in dem sich die Anhänger konkurrierender Szenen und älterer Jugendkulturen sammeln – Spießer, Eltern, sonstige Abgehängte.

Der Film Quadrophenia grenzte die Mods von den Rockern im London der mittleren sechziger Jahre ab, Saturday Night Fever die Tänzer von den Stehern im New York der Disco-Ära. Selbst der völlig überdrehte Ravefilm 24 Hour Party People hatte eine Vorstellung von Trennlinien: In einer Stadt, die man Ende der achtziger Jahre Madchester nannte, grenzte er die Verdrogten von den etwas weniger Verdrogten ab.

Oma in Bewegung

Wichtigstes Mittel der Distinktion ist in solchen Filmen die Musik. Sie schweißt die Eingeweihten zusammen und ist für die Abgehängten kaum mehr als solche zu erkennen. In der Netflix-Produktion XOXO ist das anders: Die Tracks, die der junge DJ Ethan Shaw komponiert, finden einfach alle geil. Seine Mutter fungiert darauf als Gastsängerin, seine Geschwister verwüsten dazu die Wohnung.


Selbst Oma gerät in Bewegung, als man ihr die Musik des Enkels mit den angewachsenen Kopfhörern einmal vorspielt. Erstaunlich, dass sie dem Partybus fernbleibt, der in XOXO eine verstrahlte Gruppe von Freaks in Richtung des titelgebenden Festivals kutschiert – und sich dabei als einziges treibendes Handlungselement des Films herausstellt.

Letzte Perversionsstufe

Am Anfang des Films steht eine Familienidylle. Der Regisseur Christopher Louie interessiert sich nicht für Abgrenzung, obwohl es in seinem Film doch um EDM geht, das wahrscheinlich polarisierendste aller aktuellen Musikphänomene. EDM bedeutet Electronic Dance Music, meint aber vor allem deren abgestumpfte, aufgedonnerte und populäre Festivalversion. In den USA verdienen DJs und Veranstalter damit siebenstellige Dollarbeträge; binnen einer Nacht, wohlgemerkt. Technopuristen zwischen Ibiza und Berlin halten EDM hingegen für die letzte Perversionsstufe ihrer einst subversiven Ravekultur.

Ein erstes Szeneporträt in Spielfilmform gab es bereits im vergangenen Jahr. In We Are Your Friends spielt der ehemalige Teeniestar Zac Efron einen Schlafzimmerproduzenten, der sich mit einem ausgebrannten Star-DJ anfreundet. Vor Penthousekulissen, die an Neunziger-Jahre-Pornos erinnern, konsumieren die beiden synthetische und organische Drogen, schwadronieren über synthetische und organische Musik und vergessen dabei völlig, sich um Efrons nichtsnutzige Freunde zu kümmern. Was auf, vor und zwischen den absurden Bühnenaufbauten eines heutigen Rave-Spektakels passiert, will der Film ebenso wenig ergründen wie die traute EDM-Familie aus XOXO.