Sara will kein Pausenbrot mit Gesicht. Als ihr die Mutter am Frühstückstisch gut gelaunt die Brotbüchse präsentiert, ist die 13-Jährige kurz fassungslos. Sara (Lena Urzendowsky) ist schon seit Tagen nicht mehr nach Essen zumute. Aber was wissen die Eltern schon vom Kummer eines Teenagers? Wenn Sara nach dem Abendbrot in ihrem Zimmer verschwindet, dann öffnen sich für sie zwei Räume: In einem steht ihr Bett mit der Blümchenbettwäsche, ihr Schreibtisch mit Schulbüchern und Stiften, an der Wand hängen Tierbilder und Lichterketten. Der andere ist der Chatroom, in dem Benny, der 17-jährige nette Junge, endlich die Fragen stellt, die Sara ihren Eltern nie beantworten würde. Ein lustiges Profilbild hat Benny auch: ein weißes Kaninchen.

Das weiße Kaninchen heißt der Spielfilm von Florian Schwarz, der jetzt in der ARD läuft. Die Anlehnung an Alice im Wunderland ist unverkennbar und zieht sich geschickt durch den ganzen Film. Denn wie Alice folgt auch Sara dem Kaninchen eine andere Welt, und zwar, wie Lewis Carroll schreibt, "ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wie sie jemals wieder herausfinden sollte."  

Michael Proehl und Holger Karsten Schmidt wurden für ihr Drehbuch beim Filmfest Emden-Norderney mit dem Creative Energy Award ausgezeichnet. Die beste Auszeichnung aber, die diesem Film passieren kann, sind viele Zuschauer. Denn es geht um ein wichtiges Thema: die Bedrohung von Kindern und Jugendlichen durch so genanntes Cybergrooming – die onlinebasierte Anbahnung des sexuellen Missbrauchs. Cybergrooming zählt zu den Missbrauchsdelikten mit einer hohen Dunkelziffer. Man geht davon aus, dass nahezu jedes Kind, das sich im digitalen Raum aufhält, mindestens einmal mit einem Cybergroomer konfrontiert wird. Wie weit das führt, und ob es von den Kindern überhaupt bemerkt wird, steht auf einem anderen Blatt.   

Für Kinder ist das Internet zuerst immer ein Wunderland, von dem die Eltern zwar wissen, dass es existiert, aber keine Ahnung haben, wie pervertiert es darin zugehen kann. Schwarz zeigt, wie sich reale und digitale Welten vermischen und einen Strudel bilden, der all jene fortreißt, die wie Sara in die Fänge falscher Verheißungen, in diesem Fall die ersehnte erste Liebe, geraten. Dass dieser Film so aufrüttelt, ist vor allem der schauspielerischen Leistung von Lena Urzendowsky zu verdanken. Alles kann ihr Gesicht: kindliche Freude, Verzagtheit und Wut, Hoffnung, Sehnsucht, Erschrecken, Staunen und Verzweiflung. Gleichzeitig macht eine wohltuende Natürlichkeit und Unverbrauchtheit ihr Spiel stark und glaubhaft.

Ein kleines Kunstwerk ist Schwarz mit seinem Film gelungen; ein düsteres Märchen, in dem Sara sich wie in einem dunklen Wald verliert und sich endgültig verläuft. Denn hinter Benny mit dem süßen Kaninchengesicht verbirgt sich der Lehrer Simon Keller (Devid Striesow) – Familienvater, Mitte 40 und Vertrauenslehrer mit  pädophilen Neigungen. Er weiß, wovon er spricht, wenn er Schulklassen ganz medienpädagogisch über die Gefahren im Internet aufklärt. Zu Hause, nach dem Abendbrot wird er wieder zu Benny. Gierig scannen seine Augen die Chatkontakte nach jungen Mädchen ab, die auf der Suche nach ein bisschen Zuneigung oder der ersten Liebe sind.   

Keller weiß, was junge Mädchen wollen, deren Eltern Wurst mit Gesicht noch immer für einen Knüller halten. Er sieht sie täglich im Sportunterricht und beobachtet sie heimlich hinter dem Fenster des Geräteraumes. Da kommt es ihm nur recht, dass sich Sara im Chat in Kevin (Louis Hofmann) verliebt hat, der von ihr ein Nacktfoto und erotische Videos einfordert. Weil sie Kevin nicht verlieren will, lässt sich Sara zu einem Foto hinreißen und gerät in einen Malstrom von Erpressungen.