Seit wenigen Tagen erst lebt Fabian in Lissabon, da stößt er schon zum zweiten Mal auf denselben, verstörenden Kupferstich: Meterhohe Wellen gehen auf die portugiesische Hafenstadt nieder, brennende Häuser stürzen ein, Menschen irren panisch umher. Die Grafik zeigt, wie 1755 ein Erdbeben Lissabon in Schutt und Asche legte: Zehntausende starben aufgrund einer der schlimmsten Naturkatastrophen der europäischen Geschichte. Das Unheil, das ausgerechnet am Morgen von Allerheiligen über die Stadt hereinbrach, erschütterte seinerzeit viele in ihrem Glauben an einen gütigen Gott. Doch im Film Fado ist Fabian fasziniert von der Macht der Naturgewalt, beim Anblick des Kupferstichs verfällt er in Trance. Er spürt, was für eine passende Metapher das Bild für ihn selbst ist, leidet er doch krankhaft an Verlustangst.

Der junge Arzt Fabian (Golo Euler) reist seiner Exfreundin Doro (Luise Heyer) hinterher, die als Architektin für ein Bauprojekt nach Lissabon gezogen ist. Nun steht Fabian plötzlich vor ihr und erbittet eine zweite Chance. Wir lernen die beiden kennen, ohne viel von ihrer Vorgeschichte zu wissen, doch merken schnell: Bei aller gegenseitigen Zuneigung steht etwas Unausgesprochenes zwischen ihnen.

Fado begleitet in großer Ruhe den Kampf eines Paares um neues Vertrauen. Dabei ist Fabian kein Mann der leidenschaftlichen Gesten, sondern ein schlaksiger Typ, eher schüchtern, verhalten, aber fest entschlossen, seine Liebe zurückzugewinnen. Tatsächlich nähern sich die beiden einander wieder langsam an, halten Händchen, landen im Bett. Doch spätestens bei einem gemeinsamen Abendessen mit zwei Arbeitskollegen von Doro deutet sich an, was in der Folge immer klarer wird: Fabians zerstörerischer Dämon heißt Eifersucht.

Nun könnte sich die erwartbare, oft gesehene Geschichte vom psychopathischen Stalker und seinem Opfer anschließen. Doch der Film erzählt raffinierter, er schlägt sich nicht voreilig auf Doros Seite. Fado weckt stattdessen im Zuschauer selbst das Misstrauen, indem er ihn durch Fabians Augen schauen lässt. Dessen Blick ist getrübt, überall vermutet er, hintergangen zu werden. Einmal muss Doro ganz plötzlich aufbrechen, dann wieder piept ihr Handy von einer eingehenden SMS oder sie lacht ungewöhnlich laut bei einem Arbeitstelefonat. Da tauscht Doro hinter einem Bauzaun mit ihrem Kollegen zärtliche Küsse aus oder treibt es mit ihm im Hotelzimmer. Ist aber das, was wir da erleben, nun Wirklichkeit oder nur angstvolle Einbildung? Soll man den Bildern, die Betrug andeuten, Glauben schenken? Oder doch eher Doros immer wütender werdenden Treuebekundungen?

Eifersucht trübt die eigene Wahrnehmung

Eifersucht betäubt die eigene Wahrnehmung, sie wird dann anfällig für Überinterpretationen und Fehldeutungen. Fado spielt geschickt mit diesem Phänomen. Waren die Abschiedsküsse für den Kollegen nur freundschaftlich oder doch mehr? Rothlaender zwingt den Zuschauer geradezu, selbst in die Rolle Fabians zu schlüpfen.

Rothlaender ist Absolvent der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, seine autobiografische Dokumentation Familie haben kam im Januar in die Kinos und wird nun mancherorts wieder aufgenommen. Fado ist sein erster langer Spielfilm und Rothlaender, der gemeinsam mit Sebastian Bleyl auch das Drehbuch schrieb, hat seine Hauptfigur bemerkenswert gegen den Strich besetzt. Aus Golo Eulers fast jungenhaften Zügen sprechen zunächst einmal wenig Abgründe. Gerade dieser Bruch mit den Erwartungen erweist sich als Glücksfall: Eulers offenes, fast argloses Gesicht lädt umso mehr zur Identifikation ein und macht seine Bemühungen um ein Überwinden der Eifersucht glaubhaft. Auch wenn die ihn immer wieder überrollt wie eine jener riesigen Atlantikwellen, die er stets im Traum sieht.

Regie-Preis für Rothlaender

Rothlaender hält sich fern von schnellen Schuldzuweisungen und Stalking-Klischees, seine Hauptfigur ist ausdifferenziert, gleichermaßen verletzlich und besessen, das leidenschaftliche Thema besonnen inszeniert. Beim diesjährigen Max-Ophüls-Festival für den Filmnachwuchs gewann er damit den Regie-Preis.

Lissabon bildet einen atmosphärisch dichten, doch dezenten Schauplatz für dieses Geschehen und seine subtile Eskalation. In einer Szene bemerkt eine Finnin, die Fabian aus dem Sprachkurs kennt: "Ich habe mich in Lissabon verliebt, weil es meine Stimmungen reflektiert. Wie ein Chamäleon." Die Stadt, so sagt sie, scheine in jedem Moment genau so zu fühlen wie sie selbst.

Es ist vor allem Melancholie, die den Film durchweht und ihm nicht zuletzt auch seinen Titel bescherte. Denn der Fado, jener in Gesang und Gitarrenmusik gegossene Stoßseufzer, erzählt gern von Trauer und tiefem Weltschmerz, dem kaum übersetzbaren portugiesischen Gefühl "saudade". So sind es nächtliche, menschleere Gassen im gelben Laternenschein oder aber der blassblaue Himmel über dem gischtenden Atlantik und dem nebelverhangenen Fluss Tejo, die diesem sehenswerten Film die passende Ästhetik verleihen.