"Moby Dick wurde verfilmt. Vom Winde verweht wurde verfilmt. Sogar die Bibel!", sagt Fatih Akin und breitet dabei wie hilflos die Arme aus. Er habe nun eben Tschick verfilmt und es ist durchaus bezeichnend für den Filmemacher, wie er seinen jüngsten Film damit mal eben kokett neben die Bestsellerverfilmungen von John Huston, Victor Fleming oder Cecil B. DeMille einreiht. Denn Tschick ist mit 2,4 Millionen verkauften Exemplaren in mehr als 36 Ländern zweifelsfrei ein deutscher Bestseller.

2010 hatte der inzwischen verstorbene Schriftsteller Wolfgang Herrndorf seinen Jugend- und Abenteuerroman Tschick veröffentlicht. Die Geschichte des Außenseiters Maik Klingenberg, einem wohlstandsverwahrlosten Vierzehnjährigen, und seines Klassenkameraden Andrej Tschichatschow, genannt "Tschick", die einen himmelblauen Lada klauen und damit auf der Suche nach der Walachei durch die ostdeutsche Provinz gurken, bis sie sich selbst finden, verschlangen Kritiker wie Leser, ob erwachsen oder noch jugendlich.

Herrndorf hat mit seinem Text begeistert, auch wenn das Wie schwer zu greifen blieb – mit einer schlichten, aber perfekten Sprache, die gar keine echte Jugendsprache ist im Sinne von "abgelauscht", sondern ein erfundenes, künstliches Konstrukt, das aber absolut glaubwürdig klingt: cool, witzig, irgendwie realer als die Realität, jedenfalls besser. Eben genau so, wie wohl jeder Jugend erinnert: als eine großartige Zeit des Leichtsinns und der Waghalsigkeit, der Verwirrtheit und Bewegtheit, der Freundschaft und Liebe und auf alle Fälle der extremen Beanspruchung. Tschick, schwärmte es nahezu einstimmig, sei ein literarisches Wunder. Fatih Akin sagt: "Der Zauber liegt an der Zärtlichkeit. In der deutschen Literatur werden die Figuren oft durch den Kakao gezogen und in die Pfanne gehauen. Es gibt wenig Bekennen zu den eigenen Figuren, wenig Wohlwollen gegenüber so ungewöhnlichen Menschen."

Um eine ähnliche Zärtlichkeit in seiner Verfilmung zu erreichen, hielt Akin indes zunächst eine ganz und gar unzärtliche Tat für notwendig. Weil sich nur sieben kurze Wochen vor Drehbeginn die Produzenten von dem ursprünglichen Regisseur David Wnendt trennten – ob nur aus terminlichen oder auch aus künstlerischen Gründen beschweigen möglichst alle –, stieß Akin erst zu der Produktion, als eigentlich schon alles stand: das Drehbuch, die Crew, der Cast. Doch der Hauptdarsteller passte Akin nicht. Er war ihm mit 18 Jahren zu alt für die Rolle des Maik Klingenberg. Also entließ er den jungen Mann kurzerhand und besetzte die Rolle neu mit dem damals 13-jährigen Tristan Göbel, der ursprünglich nur einen weiteren Klassenkameraden spielen sollte, aber schon allerlei Schauspielerfahrung hatte (aus Westen beispielsweise und aus Rico, Oskar und die Tieferschatten).

Es ist eine der zahlreichen richtigen Entscheidungen, die Akin noch treffen konnte, bevor der Dreh losging. Denn nun wirken die zwei talentierten Hauptdarsteller – neben Göbel spielt der mongolische Diplomatensohn Anand Batbileg den Außenseiter Tschick – tatsächlich beängstigend jung, wenn sie mit aufgeklebtem Isolierband als Bartersatz über die Autobahn schlingern.