Jede Gesellschaft besitzt eine Erinnerung, die sich unwiderruflich in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben hat. Dabei handelt es sich um ein Schlüsselereignis, eine gemeinsame Erfahrung, die Zeitgenossenschaft herstellt. So kann heute jeder 30- bis 70-jährige Amerikaner oder Europäer ohne nachzudenken die Frage beantworten, wo er sich am 11. September 2001 befand, als vor den Augen der Weltöffentlichkeit zwei Passagiermaschinen in das World Trade Center flogen. Die Erinnerung fungiert als Moment der Identifikation. Für den 25-jährigen Tunesier Hedi ist der 14. Januar 2011 solch ein Tag der Erinnerung, als er wie Zehntausende andere Menschen auf die Straßen ging, um den Sturz des tunesischen Diktators Ben Ali zu fordern. Hedis Erinnerung hat jedoch noch eine feine Nuance, die der weltpolitischen Dimension der Ereignisse – dem Beginn der sogenannten Arabellion – eine persönliche Note verleiht. "Ich hatte das Gefühl, dass sich plötzlich alle Menschen lieben würden," antwortet Hedi auf die Frage seiner Urlaubsbekanntschaft Rim, wie er jenen Tag empfunden habe.

Das Gespräch zwischen Hedi und Rim ist die Schlüsselszene in Mohamed Ben Attias Regiedebüt Hedis Hochzeit, weil sich in ihr die stark aufgeladene Erinnerung ausgerechnet auf einem Friedhof, dem symbolischen Ort des Totengedenkens, noch einmal entfaltet. Der arabische Frühling liegt bereits ein paar Jahre zurück und das Hochgefühl, das Hedi an dem prägenden Tag verspürte, ist längst verblasst.

Im Westen galt Tunesien einmal als Vorzeigemodell für die Demokratisierungsbestrebungen in den arabischen Ländern vom Maghreb bis nach Syrien. Diese Meinung vertraten jedoch vornehmlich jene sogenannten Experten, die schon Ben Ali ein stark geschöntes Zeugnis inmitten der Unrechtsregime in der Region ausgestellt hatten. Nun ist der Elan der Revolution dahin, die gesellschaftliche Apathie hat auch sichtlich von Hedis Körper Besitz ergriffen. Mit ironischem Lächeln fragt er Rim, ob er etwa nicht revolutionär aussehe.

Hedi haben die wirtschaftlichen Umstände in das Seebad Mahdia verschlagen, doch genauso gut könnte er von einer Fügung des Schicksals sprechen. Sein Arbeitgeber Peugeot hat ihn kurzfristig an den Urlaubsort versetzt, um die Umsätze anzukurbeln, die tunesische Wirtschaft läuft schlecht. Auch Hedi wird von seinen Kunden vertröstet oder steht vor verschlossenen Türen. Und weil er nichts Besseres zu tun hat, zieht er eine Badehose an und legt sich an den Strand seines verwaisten Hotels. Er kann die Auszeit gut gebrauchen. Zu Hause arbeitet die Mutter auf Hochtouren an seiner Hochzeit mit der hinreißenden, aber auch hoffnungslos naiven Khedija. Alles ist arrangiert, sein Bruder Ahmed hat für Hedi bereits – nicht ohne Hintergedanken – einen Job in der Firma des zukünftigen Schwiegervaters ausgehandelt, und Khedija wünscht sich nichts sehnlicher als einen Ehemann und Kinder, wie sie beim nächtlichen Treffen im Auto, dem einzigen Ort, an dem sich das unverheiratete Paar treffen kann, erzählt. Dass Hedi gerne Comiczeichner wäre, interessiert niemanden.

Kino - Hedis Hochzeit (Trailer) © Foto: Xenix Filmverleih

In Mahdia sind die Mutter und Khedija weit weg. Dafür läuft Hedi unverhofft die Hotelangestellte Rim über den Weg, die als Animateurin für die verbliebenen deutschen Touristen arbeitet. Rim hat keine Vorstellung von der Revolution im  politischen Sinne, die Proteste 2011 hat sie aus der Ferne am Fernseher verfolgt. Aber sie besitzt einen natürlichen Freiheitsinstinkt, der Hedi vor langer Zeit gründlich ausgetrieben wurde. Die Affäre mit der etwas älteren Frau eröffnet ihm erstmals die Aussicht auf eine selbstbestimmte Zukunft. Das Gefühl des Umbruchs schleicht sich in sein Leben zurück.

Majd Mastoura, der auf der diesjährigen Berlinale für seine Darstellung von Hedi mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde, spielt diese exemplarische Figur im gegenwärtigen Tunesien mit versteinerter Mimik. Erst allmählich werden seine Gesichtszüge weicher und Hedi beginnt, die schönen Dinge des Lebens zu genießen. Eine Party, die Hedi mit Rim besucht, löst in ihm eine Art Dammbruch aus: Ausgelassen tanzt er mit wildfremden Menschen, vom seinem ernsten Gesicht fällt alle Spannung ab. Da ist er noch einmal, der Moment des erfüllten Glücks, bevor das Hochgefühl erneut verfliegt in einem gesellschaftlichen Klima, das sich gegen die Modernisierung stemmt.

Hedis Hochzeit ist kein explizit politischer Film. Man müsste nur wenige Drehbuchsätze streichen und hätte die zeitlose Geschichte eines Muttersöhnchens, das sich vergeblich von seiner Familie abzunabeln versucht. Aber es sind gerade die feinen Untertöne, die die Stärken von Ben Attias Film als gesellschaftliche und politische Parabel ausmachen. Die Parallelen zu Filmen der Dardenne-Brüdern, die hier als Co-Produzenten in Erscheinung treten und Ben Attia beim Drehbuch beraten haben, sind augenfällig (vor allem in den charakteristischen Rückansichten des Protagonisten). Dennoch ist Hedi keine typische Dardenne-Figur. Mastoura bleibt schon in seiner Körpersprache passiv, er bleibt bis zum Schluss eine verschlossene Figur, die stets nur auf ihr Umfeld reagieren kann und sich darin erschöpft.