In Zeiten moralisch geforderter Antihelden im Fernsehen ist dieser Mann fast ein Ausbund an Tugendhaftigkeit. Er säuselt seiner Ehefrau Liebesschwüre ins Ohr und meint sie sogar ernst. Er staunt mit seinen Kindern über die Vielfalt der Wolken und bewundert die Schönheit seiner Gartenpflanzen. Er hat ein Herz für die Mittellosen seiner Heimatstadt Medellín. Pablo Escobar, oder Don Pablo, wie er von seinen Anhängern liebevoll genannt wird, ist wohl einer der charismatischsten Paten der Leinwandgeschichte. Nun läuft die zweite Staffel der Netflix-Serie Narcos an, die über sein Leben und den Drogenkrieg in Kolumbien erzählt.

Narcos wurde hoch gelobt für seinen erzählerisch dichten, kunstvoll gefilmten und dokumentarisch anmutenden Blick auf den Aufstieg und Fall des bekanntesten Drogenbosses der Welt. Während die erste Staffel mehr als 15 Jahre im Leben Escobars beleuchtete, konzentriert sich die Fortsetzung auf seine letzten 18 Monate.

Escobar lebt im Untergrund, nachdem er im Juli 1992 aus seinem Fünf-Sterne-Gefängnis La Catedral entkommen konnte. Seine spektakuläre Flucht hat seinen Mythos noch weiter befeuert, aber ihm auch eine Menge realer Feinde eingebracht. An erster Stelle die US-Regierung – verkörpert von den beiden Drogenfahndern Steve Murphy und Javier Peña (Boyd Holbrook und Pedro Pascal) – das Calí-Kartell, eine rachsüchtige Narco-Witwe und Los Pepes, ein rechtsradikaler, paramilitärischer Todesschwadron, der im Sinne einer Zweck-heiligt-die-Mittel-Philosophie von der CIA unterstützt und von der kolumbianischen Regierung gebilligt wird.

Die zweite Staffel befasst sich – weit mehr noch als die erste – mit den moralischen Implikationen des Drogenkrieges. "Gut und Böse sind relative Konzepte", hatte Agent Murphy schon in der ersten Episode von Narcos gesagt. Und so wird auch diesmal gerade nicht die Geschichte der guten Amerikaner erzählt, die die naiven Kolumbianer vor einem Bösewicht retten. Vielmehr vermittelt die Serie eine wichtige Dynamik des realen Drogenkrieges, nämlich die Art und Weise, wie Drogenkartelle, Regierungen, Polizei und Bevölkerung zum Teil einer gewaltigen Mythenmaschinerie werden.

Doch im Vergleich zu den eher persönlich erzählten Mafia-Schicksalen seiner Vorbilder – der brasilianische Regisseur und Produzent José Padilha nannte Narcos eine Hommage an Martin Scorseses Good Fellas – konzentriert sich die Serie auf die politischen Dimensionen des Drogenhandels. Narcos bewegt sich daher eher in der Tradition von Filmen wie Steven Soderberghs Traffic, der die gesellschaftspolitischen Auswirkungen des Drogenhandels zwischen den USA und Mexiko nachzeichnet. Oder, noch radikaler, des politischen Kartellthrillers Sicario von Denis Villeneuve, der im vergangenen Jahr den war on drugs ein für allemal für gescheitert erklärte.