In einem Moment, in dem es wieder so weit ist und ein Kind sterben soll, nimmt Schwester Edith Kiefer (Henriette Confurius) den 13-jährigen Ernst Lossa (Ivo Pietzcker) beiseite und erzählt ihm die Geschichte vom Reh, das sie seinerzeit als Kind gemeinsam mit ihrem Vater im Wald gefunden haben will. Das Reh, sagt Schwester Edith, habe zwei gebrochene Hinterläufe gehabt. Sie selbst habe es mit nach Hause nehmen und gesund pflegen wollen, doch der Vater habe erkannt, dass dem Tier nicht mehr zu helfen sei. Deswegen habe er es noch an Ort und Stelle erlöst. "Meinst du", fragt Edith und sieht Ernst durchdringend an, "dass das falsch war?" Es ist nur eine Szene in diesem beklemmenden Film, in der die pervertierte Rhetorik eines unmenschlichen Systems aufblitzt, das sich den Anstrich der strengen Wissenschaftlichkeit gegeben hat. Sie sagen Erlösung und meinen Mord.

Ernst Lossa ist eine historische Figur. Lossa, geboren 1929 in Augsburg, gehörte den Jenischen an, einer heterogenen Bevölkerungsgruppe von Fahrenden, die von den Nationalsozialisten als "Zigeuner" bezeichnet und verfolgt wurden. Lossas Mutter ist tot, der Vater ohne festen Wohnsitz und so wird der Junge weitergereicht, von Heim zu Heim, bis er schließlich im Mai 1943 in die Heilanstalt Irsee in der Nähe von Kaufbeuren verlegt wird, ein ehemaliges Benediktinerkloster. Dort stirbt Lossa im August 1944 durch eine Giftspritze.

Der Regisseur Kai Wessel hat sich der Biografie des Jungen angenommen und daraus einen Film gemacht, der sich zum einen auf die eindringliche Wirkung seiner bewusst unspektakulären Bilder und zum anderen auf die Selbstentlarvungskraft der komplett instrumentalisierten und umgedrehten Sprache verlassen kann. Das Drama braucht kein pädagogisches Pathos. Die Perversität des Systems Euthanasie erschließt sich ohne Erklärung.

Nebel im August setzt ein mit Lossas Ankunft in Irsee. Schön ist es hier, auf den ersten Blick. Auch der Anstaltsleiter Dr. Veithausen (Sebastian Koch) macht einen freundlichen, sachlichen Eindruck. Kein Monster, im Gegenteil, ein sympathischer Mann, der als väterlicher Freund auftritt. Dass nicht Schwester Edith allein, sondern vor allem dieser Veithausen ein diabolischer Akteur in Irsee ist, begreift man erst nach und nach. Zunächst kommt er als Skeptiker daher, der die Vorgaben, die aus Berlin kommen, nur widerwillig ausführt.

Irsee ist eine Anstalt, in der psychisch auffällige Menschen untergebracht sind. "Ich gehör hier nicht hin", sagt Ernst am ersten Tag zu seinem Bettnachbarn. "Das sagt hier jeder", lautet die Antwort. In regelmäßigen Abständen werden Insassen von Irsee in Bussen in die Tötungsanstalt Hadamar abtransportiert. Als das für Unruhe unter den Bewohnern sorgt, wird die Marschroute geändert: keine Abtransporte mehr, stattdessen sollen die Kranken, wie das Personal sie nennt, direkt vor Ort "erlöst" werden.

Höfliche Mauer aus Feigheit und falscher Diplomatie

Zu diesem Zweck wird Schwester Edith Kiefer aus Hadamar nach Irsee abgestellt, eine "Fachkraft", wie Dr. Veithausen sie gegenüber Oberschwester Sophia (Fritzi Haberlandt) bezeichnet. Die Oberschwester, eine Nonne, ein Relikt aus früheren Zeiten, ist die Antipodin des schönen Todesengels Edith Kiefer. Während die eine den auf der Todesliste stehenden Kindern die Giftdosis in Himbeersaft verabreicht, damit das Sterben süß schmeckt, ("Bronchopneumonie" wird Dr. Veithausen dann in den Totenschein schreiben, Lungenentzündung), wird die andere bei ihrem Bischof vorstellig – und stößt auf eine höfliche Mauer aus Feigheit und falscher Diplomatie.

Der Kontrast zwischen der schönen Giftmörderin und der wackeren, grauen Oberschwester ist möglicherweise die einzige Konstellation in diesem Film, bei der es phasenweise nach Klischee riecht. Abgefangen wird das allerdings jederzeit durch die dezent daherkommenden, darum umso wuchtigeren Bilder von Hagen Bogdanskis Kamera und vor allem durch das präzise Mienenspiel Ivo Pietzckers, der dem als "asozialen Schädling" abgestempelten Ernst Lossa Tiefe verleiht. Lossa ist ein schlauer, aufgeweckter Junge mit Hang zum Subversiven. Und er ist ein genauer Beobachter, der das System durchschaut hat und deswegen – so vermuten es auch die Historiker, die sich des realen Falles angenommen haben – sterben musste.

In der Figur des Chefarztes Dr. Veithausen wiederum offenbart sich die gesamte Amoralität des Euthanasieprogramms: Bei einem Zusammentreffen mit Kollegen und Funktionären präsentiert er stolz seine jüngste Entwicklung: eine wohlschmeckende Suppe, der sämtliche Nährstoffe entzogen wurden und mittels der die Patienten binnen einer Woche knapp drei Kilogramm abnehmen sollen. Tod durch langsames Verhungern, wissenschaftlich fundiert. Ein unauffälligerer und weniger erklärungsbedürftiger Vorgang als die häufigen Fälle von plötzlicher Lungenentzündung. "Jawoll", sagt da einer aus der Runde, "es muss wieder mehr gestorben werden". Und so geschieht es dann ja auch, wobei selbst das furchtbare Ende des Films mit großer Zurückhaltung inszeniert ist.

Wer es war, der Ernst Lossa die Giftspritze gesetzt hat, ob der Chefarzt persönlich oder die Krankenschwester, ist ungeklärt. Dr. Valentin Faltlhauser, wie der Leiter von Irsee tatsächlich hieß, wurde nach dem Krieg zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt, deren Vollstreckung jedoch immer wieder aufgeschoben wurde, bis Faltlhauser 1954 vom Bayerischen Justizminister wegen vermeintlicher Haftunfähigkeit begnadigt wurde. Der Krankenschwester Pauline Kneissler, reale Vorlage für die Kiefer-Figur, werden allein in Irsee mehr als 200 Tötungen zugerechnet. Sie wurde 1948 zu vier Jahren Haft verurteilt, nach einem Jahr entlassen – und arbeitete danach wieder als Kinderkrankenschwester. Deutsche Nachkriegsverhältnisse.