Im Leben eines Dokumentarfilmers geht es nicht immer gerecht zu. Er oder sie kann alles richtig machen, ein gutes Thema wählen, kann sich mühen, aber am Ende kann es passieren, dass das erhoffte Glück, mit der Kamera dabei zu sein, wenn Entscheidendes, Rührendes, Lustiges oder Extraordinäres geschieht, unverschämterweise ausbleibt. Man kann dieses Glück ein bisschen zwingen, etwa indem man fleißig ist und Stunden um Stunden mit seinem Thema verbringt, Tage um Tage, Monate um Monate. Aber dieses Zwingen hat seine engen Grenzen. Der Dokumentarfilm Raving Iran ist Resultat eines Glücksfalls, oder besser: mehrerer Glücksfälle. Die Regisseurin Susanne Meures konnte ihre beiden Protagonisten just in jenem Jahr begleiten, in dem so viel passiert ist, dass sich damit zwei Filme füllen ließen. Sie hatte außerdem das Glück, zwei Protagonisten zu finden, die nicht weniger sind als ein match in heaven, ein cineastisches Traumpaar.

Anoosch und Arasch, alleine schon diese Namen, sind DJs von Beruf, sie legen gemeinsam auf, was nicht sonderlich aufregend wäre, arbeiteten sie nicht in Teheran, wo House und Techno verboten sind. Anoosch ist groß und von birnenförmiger Gestalt, sein Freund Arasch ist kleiner, breitschultriger, womöglich attraktiver für die Frauenwelt, die sie mit ihren Raves um sich scharen wollen. Revolution oder so ist nicht ihre Sache. Ohne Schmiergelder geht nichts, und die Angst, erwischt zu werden und im Gefängnis zu übernachten, ist allgegenwärtig. Die beiden reden wenig, schon gar nicht über Politik, und eigentlich auch nicht über Musik, aber wenn sie doch einmal reden, sehr oft in irgendwelchen Betten oder auf Couches liegend (man denkt an das berühmte Dokumentarfilmpaar Breitner und Hoeneß) wo sie sich ausruhen, nachdenken, nichts tun, hat das oft Komik.

Einmal, als die beiden schon überlegen, aus dem Iran zu fliehen und per Skype-Telefonat die Preise eines Schleppers kennenlernen, rund 10.000 Dollar pro Person, gesteht Arasch nach einigem Hin und Her, dass er so viel Geld tatsächlich besitzt. Anoosch, der nur 3.000 Dollar hat und keine Ahnung, woher die restlichen 7.000 bekommen soll, sagt vorwurfsvoll, im Liegen natürlich: "Nie Geld für Kippen und plötzlich hat er 10.000 Dollar." Das ist so ein wundervoller Satz, ein Traum eines Dokumentarfilmers oder jedes Journalisten, weil er natürlich eine Komik hat, denn wahrscheinlich hat Arasch das Geld ja gerade, weil er nie Geld für Kippen hatte. Und außerdem spürt man den kaum verborgenen Neid, den es nur in Freundschaften gibt, die so gut tragen, dass man sich auch mal etwas offen missgönnen kann. In diesem Moment ist klar: Egal, wer wie viel Geld hat, sie werden entweder gemeinsam gehen oder gar nicht. Nicht ohne meinen Kumpel.

Der Film hat Preise gewonnen, er wurde zu einer unüberschaubar großen Anzahl von Festivals in aller Welt eingeladen, geht es doch um Flucht und um Weltpolitik im Kleinen, und er wurde oft dafür gelobt, zuletzt als bester deutscher Erstlings-Dokumentarfilm, politisch zu sein. Bestimmt ist das richtig, der Film ist auch ein wenig politisch, aber was ihn zu einem Glücksfall macht, ist nicht die politische Botschaft, es ist das Porträt einer Freundschaft zweier Männer, die wir hier mal kurz Jungs nennen dürfen. Und natürlich ist diese Freundschaft auch deshalb von besonderer Güte, weil es einen gemeinsamen Feind und Gegner gibt. Gleich in der ersten Szene des Films, als die beiden in eine Verkehrskontrolle geraten, nennt der eine den anderen einen "Arsch". Es ist ein liebevoller "Arsch", vorbehalten für den besonderen Umstand der Polizeikontrolle.

Ansonsten streiten die beiden eigentlich nie, sie liegen in Betten, knabbern Nüsse, und als sie eine Einladung bekommen zu einem Rave in der Schweiz (ein Glücksfall für sie und für den Film), und dem Reisewunsch von der staatlichen Autorität tatsächlich stattgegeben wird, wissen die beiden diesen Moment in freundestypischer Art zu feiern: Anoosch macht Arasch am Telefon mit tieftrauriger Stimme vor, es habe leider nicht geklappt: "Sie haben abgelehnt." Umso unglaublicher ist sein Lachen, das folgt. Das Lachen der beiden, auch so ein Glücksfall. Wie übrigens ihre Sonnenbrillen.

Dabei gibt es in dem Film tatsächlich tieftraurige Momente, etwa als die Mutter den Sohn anfleht, das Land und damit auch sie zu verlassen. Als Anooschs Liebe zerbricht in der Dunkelheit des Parks, den Fluchtgedanken geschuldet. Oder als die beiden, schließlich in der Schweiz zu einem Gastspiel als DJs, am letzten Morgen zwischen Fürimmerbleiben und Fürimmerzurückgehen entscheiden. Da verwandelt sich das Gesicht von Anoosch in das Gesicht eines fünfjährigen Jungen, der keine Zuckerwatte kriegt und nicht im mindesten versteht, warum er nicht einfach Zuckerwatte haben kann. Ein traurigeres erwachsenes Kindergesicht war selten im Kino zu sehen.