"Stört es Sie, wenn ich rauche?" fragt Paolo Sorrentino als allererstes, noch bevor er sich setzt. Als Antwort gibt es lautes Lachen in der Journalistenrunde am Lido – denn der Satz wirkt wie ein direktes Zitat aus der Serie, um die es gleich gehen wird. 

Der fiktive Papst Pius XIII., die Hauptfigur in Sorrentinos erster Fernsehserie, The Young Pope, ist Kettenraucher. Und schafft deshalb als erste Amtshandlung das Rauchverbot im Vatikan ab. Nur für sich selbst allerdings. Für seine verblüfften Besucher gilt es weiter. So ist er, dieser neue Papst, der erste aus den USA: exzentrisch, machtbewusst, unberechenbar. Sorrentino zündet seine Zigarre an.

Es ist das erste Mal in der Geschichte des Filmfestivals von Venedig, dass die mit der größten Spannung erwartete Premiere nicht die eines Spielfilms mit Staraufgebot ist. Sondern die einer Fernsehserie. Bei keiner Pressekonferenz war der Andrang so groß, kein Titel wurde so oft im Festival-Smalltalk erwähnt wie The Young Pope.

Die von Sky gemeinsam mit HBO und Canal+ produzierte Serie weist auch ein ziemlich beeindruckendes internationales Schauspielensemble auf: Jude Law als Papst, Diane Keaton als Nonne, Cécile de France und Ludivine Sagnier, der Italiener Silvio Orlando und der spanische Almodóvar-Star Javier Cámara. Das ist aber nicht der Hauptgrund für das immense Interesse. Sondern vielmehr, dass sich mit Paolo Sorrentino nun ein weiterer international erfolgreicher Autorenfilmer an das Genre der Serie gewagt hat. Und die Frage, ob er es schaffen würde, seine opulente Filmsprache, seine schwärmerischen Einstellungen auf den kleinen Bildschirm zu übertragen.

Cherry Coke zum Frühstück

Zwei der insgesamt zehn Folgen von The Young Pope waren jetzt in Venedig zu sehen. Sie erzählen von den ersten Tagen im Amt des neuen Papstes Pius XIII., Lenny Belardo. Mit seinen 47 Jahren ist er nicht nur der jüngste, den es je gab, dank Jude Law ist er auch der schönste. Morgens steht er nackt, bloß mit Flip Flops bekleidet, vor dem Spiegel; er lehnt das opulente Frühstück ab, das ihm serviert wird, und besteht stattdessen auf Cherry Coke Zero als einzige morgendliche Energiezufuhr.

Statt sich den Riten des Vatikans anzupassen, stellt er von Beginn an eigene Regeln auf. Stößt alle erfahrenen Mitarbeiter vor den Kopf, macht erst einmal Tabula rasa, und engagiert Schwester Mary (Diane Keaton), seine Ziehmutter aus dem Kloster, in dem er elternlos aufgewachsen ist, als persönliche Beraterin. Seinen überraschenden Sieg bei der Papstwahl verdankt Belardo wohl einer Intrige des Kardinals Voiello (Silvio Orlando), der glaubte, einen jungen, unerfahrenen Papst leicht kontrollieren und damit selber lenken zu können. Was für ein Irrtum: Die beiden werden schnell zu erbitterten Gegenspielern.

"Ihr habt vergessen, zu masturbieren!"

Die auffälligste Eigenschaft des neuen Papstes ist seine Undurchschaubarkeit. Das Gleiche gilt für Sorrentinos Erzählstrategie: Immer wieder führt er seine Zuschauer absichtlich in die Irre. Gleich in der ersten Folge zeigt er die erste öffentliche Ansprache von Pius XIII. "Ihr habt vergessen, zu masturbieren!", ruft Belardo den Gläubigen auf dem Petersplatz zu. "Ihr habt vergessen, zu verhüten! Ihr habt vergessen, homosexuelle Beziehungen zu leben!" Was für ein wahrhaft revolutionärer Papst! Es ist aber bloß der Angsttraum, den Belardo in seiner ersten Nacht im neuen Amt hat.

Die Rede, die Belardo dann am Ende der zweiten Folge tatsächlich hält, geht in die exakt entgegengesetzte Richtung – und erinnert im Ton eher an die apokalyptischen Hasspredigten von Donald Trump. Nicht umsonst stellt sich Pius XIII. mit seinem Namen in die Tradition des Mussolini-Unterstützers Papst Pius XI. "Ihr habt euch von Gott abgewandt", schreit er die erstarrte Menge auf dem Petersplatz an. "Und denen, die sich von Gott abgewandt haben, habe ich nichts zu sagen. Wendet euch von euren Nächsten ab! Wendet euch Gott zu!"