Es ist paradox: das Fernsehen ist zum Leitmedium avanciert, eine den Zeitgeist prägende Erfolgsserie jagt die andere. Und nun steht ausgerechnet der langjährige Vorreiter HBO unter Druck. Netflix und Amazon machen Konkurrenz und der langjährige Publikumsrenner Game of Thrones wird nur noch zwei Staffeln lang laufen. Alle Hoffnungen des Senders ruhen nun auf der neuen Serie Westworld, einer Mischung aus Western und Science-Fiction.

Von vier bis fünf Staffeln Minimum ist die Rede: epische Streckung einer kompakten Vorlage, die selbst Peter Jacksons megalangen Hobbit in den Schatten stellen würde. Westworld basiert auf dem gleichnamigen Kinofilm aus dem Jahr 1973, dem Regiedebüt des Schriftstellers Michael Crichton, in Erinnerung geblieben wegen Yul Brynners stoischem Bösewicht, einem mörderischer Wildwestroboter mit Fehlfunktion, der einfach The Gunslinger heißt.

Das Setting der Fernsehversion ist dasselbe wie bei Crichton. Irgendwann in der nahen Zukunft dürfen reiche Besucher im Themenpark Westworld den Wilden Westen in hyperrealistischem Setting nachspielen. Sie werden von "Gastgebern", lebensechten und intelligenten Roboteranimateuren, empfangen, dürfen mit ihnen in Abenteuer ziehen, sie erschießen, mit ihnen schlafen, sie vergewaltigen. Die Roboter hingegen können die menschlichen Gäste nicht verletzen, hinter den Kulissen wacht eine riesige menschliche Belegschaft über die Erfahrung der Gäste.

Alles ist auf Epik, auf Worldbuilding ausgelegt

Bei Crichton braucht es keine Stunde Filmzeit, bis das alles ziemlich gründlich aus dem Ruder läuft und die Roboter gegen die Gäste rebellieren. Schon in den ersten 15 Minuten der HBO-Serie zeigt sich, dass dieses Westworld nach einem weniger simplen Schema funktioniert. Der Gunslinger tritt zwar auch auf, gespielt diesmal von Ed Harris, aber er ist kein Roboter, sondern ein Gast, der schon sehr lange, vielleicht zu lange, im Park seine Ferien verbringt. Und obwohl er als Fiesling auftritt, wird angedeutet, dass er nur eine Rolle spielt, dass er außerhalb des Parks ein ausgesprochen anständiger Mensch ist.

Diese Welt jenseits des Parks ist (zumindest in den ersten vier Folgen, die vorab zu sehen waren) bewusst ausgespart. Alles ist auf Epik, auf Worldbuilding, angelegt. Hinter den Kulissen intrigieren Geldgeber, Sicherheitsleute, Wissenschaftler, Ingenieure und der undurchsichtige Schöpfer des Parks, gespielt von Anthony Hopkins. Jeder hat eine andere Agenda, es gibt nebulöse Andeutungen über den wahren Sinn des Parks. Vor allem aber widmet sich die Serie den synthetischen "Gastgebern," die Tag für Tag neue und alte Geschichten durchspielen, Scripts rezitieren – und die, je mehr künstliche Intelligenz die Betreiber ihnen einprogrammieren, sich langsam der Tatsache bewusst werden, dass ihre Welt ganz anders ist, als sie dachten.

Einige der Roboter, wie die Zuhälterin Maeve Millay (Thandie Newton) versuchen, à la Truman Show auf eigene Faust zu verstehen, was in ihrer Welt nicht stimmt. Andere, zum Beispiel die Farmertochter Dolores Abernathy (gespielt von Evan Rachel Wood), schmieden Bündnisse mit denen, die von den Labors und Kontrollräumen aus über ihre Welt wachen. Wieder andere wie Teddy Flood (James Marsden) gehorchen weiterhin unbewusst ergeben ihrem Programm. War Crichtons Film eine Art Vorstudie für Jurassic Park, ist das neue Westworld eher mit den Matrix-Filmen verwandt: nicht die Neal Postman-mäßige Frage, was unsere Sucht nach Vergnügung mit uns anstellt, treibt die Schöpfer der Serie um, sondern die Frage, was im virtuellen Zeitalter Realität heißen darf. Eine Roboterfabel für das Zeitalter von Oculus Rift.

Westworld warnt nicht mehr vor der Technologie, vor menschlicher Hybris; sie fragt, wie man mit Technologie lebt, wenn sie nun einmal da ist, was für eine Moralität in einer virtuellen Welt erforderlich ist. Man merkt schon sehr schnell: auch in dieser Westworld wird alles gehörig schief gehen, aber der Serie scheint davor nicht zu gruseln. Fast meditativ steuert sie auf den Moment zu, an dem die Maschinen begreifen, was mit ihnen geschieht, und den Moment, an dem die Menschen sich darüber klar werden müssen, was sie diesen Maschinen antun. Was bedeutet es moralisch, einen Mann zu skalpieren, der in Wahrheit nur eine täuschend echt aussehende Maschine ist?