Man könnte diesen Film für einen Test halten, wohin Kinozuschauer noch zu folgen bereit sind. Ob sie die Geschichte einer Leiche, die als Wasserfahrzeug und als Raketenrucksack dient, einfach irgendwie verrückt finden. Oder ob sie einer derart auf Verstörung inszenierten Outriertheit noch so etwas wie einen tieferen Sinn abgewinnen können, der jenseits des Absurden liegt. In die Kategorie des Absurden jedenfalls, in vielerlei Hinsicht, gehört der Film Swiss Army Man ganz sicher.

Vermutlich hat das auch manche amerikanische Kritiker dazu bewogen, vor seiner Schrillheit zu kapitulieren und ihn ausgiebig als "wild" oder "überwältigend" zu loben, und vermutlich hat das auch die Jury auf dem Sundance-Festival dazu gebracht, Daniel Kwan für die beste Regiearbeit zu prämieren, die im Übrigen wirklich nicht so übel ist. Am Anfang des sicherlich skurrilsten Films der Saison sieht man den jungen Mann Hank (Paul Dano), der aus nicht weiter geklärten Gründen auf einer entlegenen Insel gestrandet ist. Die Robinsonade dauert allerdings lediglich ein paar Minuten, da in der Brandung ein toter Mann (Daniel Radcliffe) im zerschlissenen Anzug herumschwappt. Und es ist so: Er furzt. Er furzt so kräftig, dass Hank auf ihm die Insel verlassen kann wie mit einem Motorboot.

Was sich wie ein Witz anhört, den sich angetrunkene 14-Jährige über Robinson und Freitag erzählen könnten, ist hier der Auftakt zu anderthalb Stunden, in denen Hank die Leiche wie eine Bauchrednerpuppe durch die Wildnis trägt, in der die beiden gelandet sind. Den Toten nennt er Manny. Und Manny wird in der Folge zu einer Art Mehrzweckzombie (so nützlich wie ein Schweizer Armeemesser), den Hank als Rasierapparat benutzt und der gewissermaßen magische Flatulenzen von sich gibt, so unentwegt, dass Hank ihn mit einem Sektkorken versiegeln muss, der irgendwo am Wegesrand liegt.

Erektionen wie ein Kompass

Man könnte eine Art Metaphysik des Methans in diesem Film vermuten, so wie er sprichwörtlich jeden Pups als Naturereignis feiert und jede Blähung als Offenbarung oder existienzielles Fanal der Verbundenheit, der Echtheit und vermutlich auch des wahren Seins. Der Mensch ist nur da, wo er furzt. Filmhistorisch ist das sicherlich eine Novität. Und womöglich eignet sich Swiss Army Man fürderhin als Kultfilm für die Liebhaber gastrointestinaler Verstimmungen und Fans zart nekrophiler Tendenzen. "Ich will jetzt Sex", sagt Manny an einer Stelle, nachdem er zu sprechen gelernt hat und fortan zumeist im Modus kindischer Schamlosigkeit vor sich hin plappert. 

Hank weiht ihn in die Geheimnisse des Lebens und der Liebe ein, um die es hier im Wesentlichen auch geht. Sie bauen im Wald ein Restaurant nach, in dem sie Rendezvous bei Kerzenschein nachspielen, sie gehen in ein selbstgezimmertes Kino und werfen sich in einer Bus-Attrappe aus Blättern und Ästen sehnsüchtige Blicke zu, und Manny schwillt pausenlos die Hose. Seine Erektionen weisen den beiden wie ein Kompass den Heimweg, was man originell finden kann, falls Originalität bedeutet, noch den dümmsten Einfällen nachzugeben. Zwischendurch greift ein Bär an, und da alles im Wald spielt, wo den Mensch seit Jahrhunderten die existenzielle Beklommenheit befällt, kommt es zu Sätzen wie: "Vielleicht sind wir ja alle nur Haufen Scheiße." Und wenn das die philosophische Tiefendimension dieses Films ist, das verinselte Menschlein darzustellen, das egal ob tot oder lebendig, auf jeden Fall verirrt in der Welt herumkriecht auf der Suche nach etwas Liebe – so mag dieses Minimalziel erreicht sein.  

Es fällt in diesem Sinne leicht, sich vorzustellen, wie der surreale Buddyklamauk mit interpretatorischen Klimmzügen noch zur Parabel auf die kosmische Verlassenheit umgedeutet werden wird oder zumindest zur Groteske über Sinn und Unsinn alles Zwischenmenschlichen. Dass Manny nur der Fantasie seines Außenseiterfreundes entspringe und dass das doch ein interessantes Update des Doppelgängermotivs sei. Oder dass der Film nur dazu da sei, die Grenzen des eigenen Humors zu überprüfen, der sich an Utopien wie jener zu beweisen hat, auf die der Film am Ende zuläuft: "Die ganze Welt würde tanzen, singen und furzen. Und alle wären weniger einsam." Aber all das wäre lediglich der Beweis, dass nicht nur Hintern gelegentlich Wind machen, sondern auch Kritiker, die hilflos nach einem Sinn suchen, wo es keinen gibt.