Er hat also nicht überzogen. Nach 48:42 Minuten ist die erste Folge Wetten, dass..? von Jan Böhmermann zu Ende. Und damit auch die Frage beantwortet, wie ernst es dem ZDF mit einer Wiederbelebung des Sendeungetüms ist. Zeit ist die Währung, in der der Einfluss eines Wetten, dass..?-Showmasters gemessen wird. Und wenn Böhmermann nach einer guten Dreiviertelstunde der Saft abgedreht wird, heißt das: Mehr als ein Spielplatz ist dieses Mini-Revival nicht.

In den vergangenen Tagen hatte man es durchaus für einen neuen Böhmermann-Coup halten können, die Show auf seinem Sendeplatz auf ZDFneo wiederzubeleben. Vor zwei Wochen hatte das ZDF eine alte Sendung des Neo Magazin Royale gesendet. Angeblich aus Versehen. Böhmermann twitterte daraufhin: "Ich will als Wiedergutmachung einmal Wetten, dass..? moderieren!" Eine hübsche Geschichte, aber natürlich war das Ganze keine Spontanhandlung, auf seiner Pressekonferenz bei Periscope am Mittwoch erzählte Böhmermann, man arbeite schon seit acht Wochen an dem Konzept.

Die spannende Frage war dann: Will er wirklich Thomas Gottschalks Fernsehlagerfeuer wieder anzünden oder ist das alles wieder einmal nur Satire? Die ersten 48 Minuten zeigen: leider beides. Es war eine durchaus ernst gemeinte Reanimation von Kindheitserinnerungen im Umfeld fingierter Wettspiele. Auf der Couch sitzen der Rapper Eko Fresh, Jens Spahn von der CDU und das Model Eva Padberg. Ein Baggerfahrer "versucht", mit der Schaufel seine Ehefrau zum Orgasmus zu bringen, ein Mädchen "erkennt" die Parteizugehörigkeit deutscher Politiker, indem sie mit den Füßen deren Gesichter ertastet. Auf der Bühne rappt Dendemann "Neo Magazin ist wie Wetten, dass..?, nur cool" und DJ Bobo lärmt vor brennenden Tonnen. Der beste Witz des Abends ist, als das Mädchen von der Kinderwette an einer Partei scheitert: "FDP? Sagt mir gar nix."

Böhmermann hat viel zu verlieren

Also, was passiert hier eigentlich? Will Jan Böhmermann Wetten, dass..? wiederbeleben oder vielmehr die Marke Böhmermann? "Es ist keine Parodie, sondern eine Mischung aus Hommage und Bewerbung", hatte Böhmermann zuvor in seiner improvisierten Pressekonferenz erklärt. Seine Generation habe "im Schlafanzug auf dem Sofa Wetten, dass..? geschaut" und sei dann um 22 Uhr ins Bett geschickt worden. "Es gibt niemanden im deutschen Fernsehen, der so wenig zu verlieren hat wie ich, und niemand, der Wetten, dass..? so liebt wie ich."

Der erste Punkt ist natürlich reine Koketterie, Böhmermann hat sehr viel zu verlieren. Nach den Monaten der medialen Dauerpräsenz wegen seines Schmähgedichts auf den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan ist es still um ihn geworden. Seit seinem Wiedereinstieg mit dem Neo Magazin Royale im Mai hatte er genau einen Coup: In der ersten Sendung nach der Sendepause deckte er die menschenunwürdige Behandlung der Kandidaten in der RTL-Produktion Schwiegertochter gesucht auf, indem er dort zwei Schauspieler einschleuste. Für #verafake gab es freundliche Erwähnungen, aber dabei blieb es. Danach? Ein Video, das Böhmermann neben einer nackten Angela Merkel und einem nackten Kai Diekmann zeigte, eine Anspielung auf den Clip Famous von Kanye West, erregte nicht einmal die Bild-Zeitung. Die Sendung vom 29. September war eine müde Nacherzählung des CDU-Sexskandals mit Pappfiguren. Sein Schlusskalauer über Jenna Behrens lautete: "Es gibt einen Grund, warum im Mittelalter Frauen mit roten Haaren verbrannt wurden."

Keiner versteht mich

Nun also das alte Schlachtross Samstagabendshow. "Mein Kern versucht sich Bahn zu brechen und in diese Show zu finden", hatte Böhmermann behauptet. "Die einzigen, die es nicht verstehen, sind alle um mich herum." 

Böhmermann gegen alle, ist das die neue Leit-, oder soll man besser sagen, Leidenslinie des Moderators? Moderator darf man ihn seit dem Wetten, dass..?-Experiment immerhin wieder nennen, monatelang war er ja nur noch der "Satiriker" gewesen. Viele, die bisher wenig von der Freiheit der Kunst gehalten hatten, erklärten ihn zum letzten Aufrechten der wankelmütigen Medienrepublik Deutschland. Eine Rolle, die er, der sich so gern als Beobachter eben dieser Gesellschaft verstanden hatte, gehasst haben muss.