Erinnern wir uns kurz an die erste große Liebe. Wie wir da plötzlich auf ein Wattewölkchen gesetzt und durch den Höllenschlund gestürzt wurden! Wie sich uns mit einem Schlag sämtliche Geheimnisse des Universums offenbarten, während irgendwo leise Glöckchen klingelten! Ganz egal, ob das nun lediglich an einem bio-chemischen Prozess lag: Es war ein Riesending. Über wie viel Wissen und Erfahrung muss also ein Schauspieler verfügen, um diesen magischen Moment, in dem so viel mehr passiert als ein Blitzeinschlag, adäquat darzustellen? Über sehr viel? Nö.

Louis Hofmann ist gerade mal 18 Jahre alt, als er in Die Mitte der Welt spielt, wie seine Figur Phil das erste Mal dem neuen Mitschüler Nicholas begegnet. Er hat den Mund leicht geöffnet, seine Augen schauen erstaunt und würden beinahe kindlich wirken, wenn Hofmann nicht gleichzeitig dieses Erkennen in seinen Blick legte: Nicholas ist all das, wonach Phil sich immer gesehnt hat, ohne davon zu wissen; er ist das Ziel seiner Träume, der Inbegriff seines Begehrens – seit einer Ewigkeit, die in dieser Sekunde begonnen hat. Vor allem schafft Hofmann es, dass wir, die Zuschauer, in diesem Augenblick Phil durch all seine Gefühle – Überraschung, Überwältigung, Erkennen der Unausweichlichkeit – folgen und spüren, was der neue Schönling in Phil anrichtet.

"Ach, ich weiß gar nicht genau, wie ich das gemacht habe", sagt Louis Hofmann am Tag der Berliner Premiere. Inzwischen ist er 19 und hat 4 internationale und ein paar deutsche Darstellerpreise gewonnen. "Ich habe mir einfach vorgestellt, was da jetzt vor mir steht, ist die Erfüllung von allem, die vollkommene Befriedigung meiner Wünsche. So ungefähr."

Ein bisschen schwuler

Wie er das sagt, klingt es, als wärs ein Kinderspiel. Dabei sind schon erfahrene Schauspieler an der Aufgabe peinlich gescheitert. Klar bringt man werdenden Schauspielern auf den Schauspielschulen bei, in sich hineinzuhorchen, nach Erfahrungen und Erinnerungen zu suchen, die zu den darzustellenden Gefühlen passen. Method Acting nennt man diese Technik, die viel Übung und noch mehr Selbstreflexion erfordert. Aber Louis Hofmann hat nie eine Schauspielschule besucht. Er hatte nie Unterricht. Er macht es einfach.

"Wunderbar, wunderbar, wunderbar", bloggte der Schriftsteller Andreas Steinhöfel dazu, dessen Jugendroman Die Mitte der Welt dem Film als Vorlage diente. Es ist eine komplexe Familiengeschichte aus der Sicht des 17-jährigen Phil, der gleich zu Beginn über sich selbst sagt: "Ich bin ein ganz normales Landei. Vielleicht ein bisschen schwuler als andere, aber sonst Standardausstattung."

Ein Spiegel reinen Glücks

Und das ist auch schon das Besondere am Buch wie am Film, dass Phils Schwulsein so selbstverständlich ist. Niemand in seiner Umgebung hat damit ein Problem: nicht die beste Freundin seiner Mutter, die selbst lesbisch ist, nicht seine Zwillingsschwester Dianne, die ihm immer sehr nahe stand, nicht seine beste Freundin Kat mit den pinken Haaren, und schon gar nicht seine alleinerziehende Mutter, die sich sowieso einen Teufel darum schert, was andere Leute denken könnten. Als sie Nicholas das erste Mal sieht, sagt sie anerkennend zu ihrem Sohn: "Den guten Geschmack hast du von mir."

Zu Phils Freude lässt sich Nicholas tatsächlich auf eine Liebesbeziehung mit ihm ein, und die Welt um ihn herum wird mit einem Mal ganz rosa, luftig und leicht. Auf der Tonspur läuft Musik von Austra, Soap & Skin oder Naked Lunch, flirrender Pop. Die Kamera schwebt mit Phil durch die Landschaft oder ruht ganz nah an dessen Gesicht, ein Spiegel reinen Glücks. Die Szenen, in denen die beiden Jungs ihre Leidenschaft genießen, schmecken wie Vanilleeis an einem heißen Spätsommertag.

Jakob M. Erwa, der Regisseur und Drehbuchautor, hat es verstanden, das Flimmernde und bisweilen sogar Märchenhafte des Romans in Bilder zu übersetzen. Wie das Buch scheint auch sein Film stets eine Handbreit über dem Boden zu schweben. Dabei hat Erwa das Zeitlose des Romans fest im Hier und Jetzt verankert: Phil und Kat hängen an ihren Smartphones. Die Textmessages laufen nicht nur über ihre Displays, sondern auch über die ganze Leinwand – eine kleine Reminiszenz an die TV-Serie Sherlock, die Steinhöfel sehr mag.