Der Film beginnt, aber es bleibt finster. Eine sanfte Stimme durchbricht das Schwarz. "Denken wir uns gemeinsam eine Geschichte aus", sagt die Mutter am Bett ihres Sohns. "Es war einmal ein Dorf, aus dem alle Einwohner geflohen waren", und das Kind dichtet weiter: "Sogar die Ratten hatten es schon lange verlassen." Erst mit dem Erzählen erhellt sich die Szene und Natalie Portman zeigt bereits in der ersten Minute ihres Regiedebüts: Gegen das Dunkel hilft nur die Macht der Worte. Eine Geschichte von Liebe und Finsternis heißt denn auch werkgetreu ihre Verfilmung des Romans von Amos Oz, einem mehr als 800 Seiten starken Werk über dessen Kindheit im Jerusalem der 1940er Jahre und den frühen Tod der Mutter Fania.

Portman spielt selbst die Mutter und erzählt ihre Geschichten ihrem Sohn Amos abends am Bett, neben der Badewanne, hinter dem Bügelbrett. Oder Amos lauscht ihnen heimlich. Sie vermitteln Gefühle der Geborgenheit, doch auch der Gefahr. Mal geht es um die Frau eines Ingenieurs, Ira, die sich in einer Holzhütte selbst verbrennt, mal um einen polnischen Offizier, der sich in den Kopf schießt, oder um eine Frau, die in einem Fluss zu ertrinken droht, bis ein Mönch sie aus dem Wasser zieht. Der gebannte Amos fantasiert sich hinein in die Rolle dieses Retters.

Jerusalem ist eine schwarze Witwe

Das emotionale Epizentrum des Films ist die Mutter. Amos, grandios gespielt von Amir Tessler, ist stiller Zeuge ihres Leidens, ihrer heimlichen Tränen, ihrer Schläge auf die eigenen Wangen. Der Junge horcht an halb geöffneten Türen oder versteckt unter dem Esstisch, späht durch Vorhänge und erfährt mehr, als er verstehen und tragen kann.

Die Mutter wuchs im polnischen Dorf Rowno auf, das heute zur Ukraine gehört. Während sich der Antisemitismus in Europa ausbreitete, träumte sie von einem Israel, in dem "Pioniere die Wüste zum Blühen bringen". Mit der Familie flüchtete Fania nach Palästina. Wenig später erschossen in dem polnischen Wald, wo sie früher mit ihren Schwestern Pilze suchte, Deutsche, Litauer und Ukrainer binnen zweier Tage 23.000 Juden.

Wenn der Film 1945 einsetzt, sind Fanias Träume bereits "zerschmettert". Nur selten gibt es unbeschwerte Momente. Dann lösen Erzählungen für kurze, kostbare Augenblicke die innere Erstarrung. So auch in der Szene, in der Fania die Geschichte vom reichen Pelzhändler erzählt, der kein Fleisch mehr isst und schließlich als Fuchsmensch durch die Wälder streift. Amos geht in ihren Worten auf. Der Vater dagegen, ganz der Gelehrte, fragt: "Entschuldigung, aber was soll das sein, eine Allegorie? Aberglaube?" und zerstört den Zauber.

Wir erfahren davon durch Amos als altem Mann, gespielt von Alexander Peleg. Er geht durch die Gassen Jerusalems und blickt zurück: "Sich zu erinnern, fühlt sich an, als würde man versuchen, ein uraltes Haus aus den Trümmern wieder aufzubauen, und in den Steinen ist alles gegenwärtig."

Grob verfolgt der Film auch die Geschichte der Stadt. Die Zeit des britischen Mandats und der abendlichen Ausgangssperre, den Abzug der Briten, die Staatsgründung, Unruhen, Krieg. "Ein Eroberer nach dem anderen nahm Jerusalem ein", heißt es einmal über die Vergangenheit. "Jerusalem ist eine schwarze Witwe, die ihre Liebhaber verschlingt, während sie noch in ihr stecken."