Auf den ersten Blick waren wir nicht wie sie. Sondern das genaue Gegenteil. Wir lebten nicht in einer Kleinstadt in den USA, waren nicht kaffeesüchtig, wir hatten keine reiche Familie hinter uns, die uns im Notfall unterstützen konnte, wir aßen selten Fast Food und hatten keine Zeit, um den halben Tag in einem Diner abzuhängen, genauso wenig hatten wir ein Diner. Und trotzdem waren wir genau wie sie. Meine Mutter und ich waren Rory und Lorelai Gilmore im Berlin Ende der achtziger, neunziger und nuller Jahre. 

Als die Gilmore Girls 2004 im deutschen Fernsehen anliefen, hatten wir die Jahre der Pubertät, mit denen die erste der sieben Staffeln startet, bereits hinter uns gebracht. Meine Mutter arbeitete wie Lorelai Gilmore meistens Vollzeit; ich ging zur Schule, war nicht so strebsam wie Lorelais Tochter Rory, konnte mich aber mit ihrer Liebe zur Literatur identifizieren. Wir waren zwei von denen, die nur 18 Jahre trennen und die deswegen häufiger für Schwestern als für Mutter und Tochter gehalten wurden. Zwei von denen, die sich so durchstrampeln durch das Leben, das sehr holprig sein kann, wenn man alleinerziehend ist.

Ich schaute die Serie erst zufällig an Nachmittagen, an denen ich nicht in die Uni musste, später dann nicht mehr ganz so zufällig. Als ich beschloss, meiner Mutter von den Gilmore Girls zu erzählen, deren Geschichte unserer so sehr ähnelte, war sie erst skeptisch. Später sagte sie: "Du hast recht, das sind wir!" 

Die Schneekugel der Gilmore Girls ist die kleine Stadt Stars Hollow. Dort leben Lorelai Gilmore und ihre Tochter Rory. Mit ihren Eltern hat sich Lorelai schon früh überworfen. Dann wurde sie auch noch mit 16 schwanger und beschloss, den Vater ihres Kindes nicht zu heiraten. Die Verbindung zu den Eltern erhält sie später vor allem ihrer Tochter zuliebe aufrecht – Rory ist der Liebling der Großeltern.

Gilmore Girls erzählt die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter, die nie genug Geld, ein wackeliges Haus und große Träume hat, eine junge Frau, deren Ersatzfamilie vor allem die Menschen in der Kleinstadt sind. In dieser Stadt gibt es Luke's Diner, in das sie täglich geht, und dessen Besitzer Luke schon immer mehr als ein enger Freund der Familie ist. Dort wohnt auch Lorelais beste Freundin Sookie, mit der sie später ihre eigene Pension eröffnet. Und auch Rorys beste Freundin Lane Kim lebt mit ihrer erzkonservativen koreanischen Familie direkt um die Ecke. Die Welt von Stars Hollow ist eine plüschige, anfangs fällt es einem schwer, auszuhalten, wie gut alle Bewohner miteinander auskommen. Doch genau dieses Gefühl fängt einen später auf.

Die Gilmore Girls leben in einer Welt, in die Godzilla spazieren könnte und es würden sich trotzdem alle am nächsten Morgen in Luke's Diner treffen, Pancakes bestellen und aus riesigen Tassen Kaffee schlürfen. Der Zuschauer schaut von außen zu, wie die Dorfbewohner mit wöchentlichen Sitzungen ihre eigene Politik machen, die sich nur um sie selbst dreht, um eine Ampel an der einzigen großen Kreuzung der Stadt oder um die Teilnahme am Festival of Living Pictures, an einer der vielen Feiern also, die die Bewohner gemeinsam ausrichten.