Donald Trumps unsägliche Grenzabsperrungsträume sind vor den Grenzen Europas bereits bittere Realität: Die spanische Küstenstadt Melilla liegt auf afrikanischem Boden, zwischen der Mittelmeerküste und Marokko. Sie gehört faktisch bereits zu Europa und ist zum Schutz vor illegaler Migration mit bis zu sechs Meter hohen Zäunen umgeben. Polizeieinheiten der spanischen Guardia Civil und der marokkanischen Forces Auxiliaires patrouillieren hier und überwachen das gesamte Grenzgebiet ununterbrochen mit Kameras und Nachtsichtgeräten. Trotz der hochgesicherten Anlagen gilt Melilla den afrikanischen Flüchtlingen als Möglichkeit, das Traumziel Europa zu erreichen. Für die Überwindung der Grenze, den Sprung in eine bessere Zukunft, riskieren sie ihr Leben.

Ein Infrarotbild mit Sucherkreuz, dazu ein mechanisches Surren, während die Kamera den Berg Gurugú auf marokkanischer Seite nach Lichtpunkten absucht. Ein Schnitt, und der Zuschauer findet sich mitten unter diesen Menschen wieder, die eben noch umherirrende Lichter am Rande Europas waren. Die Regisseure Moritz Siebert und Estephan Wagner wollten in Les Sauteurs – Those Who Jump die Lage der Flüchtlinge zeigen, die am Grenzberg ausharren und auf den gefährlichen Sprung auf spanisches Staatsgebiet warten. Um ein authentisches Bild der vornehmlich aus jungen Männern bestehenden Gemeinschaft der unwillkommenen Zaungäste und ihres Wartens, Hoffens und Zweifelns einzufangen, entschied sich das Regieduo, einem der Flüchtlinge ihre Kamera anzuvertrauen und ihn zu bitten, dieses Leben am Rande der afrikanischen Grenze zu Europa zu dokumentieren. In dem aus Mali stammenden Abou Bakar Sidibé fanden die beiden Dokumentarfilmer einen engagierten Kameramann und Co-Regisseur, der mit seinen Aufnahmen und Kommentaren eine Innenansicht auf die immer wieder von Menschenrechtsorganisatoren angeprangerte Lage vor Melilla bietet.

"Here we have Abou, the future European!" So stellen ihn seine ebenfalls aus Mali geflüchteten Kameraden vor. 15 Monate ist der junge Mann schon im Grenzgebiet. Jeden Tag sieht er seinen Sehnsuchtsort Melilla vor sich, bislang bleibt er unerreicht. Abou weiß nicht einmal mehr, wie oft er bereits versucht hat, die Zäune zu überwinden. Im Film spricht er über seine Angst, sich bei einem Grenzüberwindungsversuch zu verletzen, und seine noch größere Angst, Europa nie betreten zu können. Immerhin: Sein Bruder hat es vor einem Jahr auf die andere Seite geschafft. Abou macht sich voller Elan und beinahe spielerisch mit der für ihn neuen Kameraarbeit vertraut. Ihn fasziniert es, sein Leben und das seiner Kameraden festzuhalten. "I feel that I exist when I film", sagt er.

Kino - "Les Sauteurs" (Trailer) © Foto: Wind House

Größere Steine dienen als Stühle, blaue Plastikplanen und vereinzelte Decken müssen als Schlafunterlage herhalten. Auf Augenhöhe hängen in den Bäumen Taschen und Tüten, in denen die Flüchtlinge ihre Kleidung und die wenigen anderen Besitztümer aufbewahren, um sie vor den wilden Hunden zu schützen, die auf dem sandigen, mit Müll übersäten Boden umherstreunen. Viele Flüchtlinge harren an der Grenze aus und nehmen eher dieses Leben ohne Sanitäreinrichtungen und ohne Dach über dem Kopf in Kauf, als desillusioniert in ihre Heimat zurückzukehren. Die Kamera zeigt, wie sie in dem provisorischen Lager gemeinsam warten, essen, singen, Fußball spielen. Eine Handvoll Zuschauer hat sich um den staubigen, nicht wirklich als Spielfeld kenntlichen Platz gesammelt, auf dem kleine Steinhaufen die Tore markieren. Sie jubeln, als befänden sie sich in einem großen Stadion, wenn die Spieler dem Ball hinterherstürmen und ein Tor erzielen. Nachdem kurz vor Ende dieses Spiels das entscheidende Tor gefallen ist, sagt einer der Verlierer in Abous Kamera: "Well, we lost by one goal. But that's not so terrible. Hopefully, the rematch will be in Melilla, down there in Spain."

Abou fängt den Versuch der Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern, sich auf dem Berg Gurugú mit ihrer Situation zu arrangieren, genauso ein wie ihre selbst erschaffenen Strukturen und Regeln und die Vorbereitungen für die nächste Grenzerstürmung. Die Flüchtlinge einer Nation bilden stets eingeschworene Untergruppen. Ausgewählte Vertreter dieser einzelnen Gruppen planen dann gemeinsam die nächste Grenzüberspringung. Denn nur wenn sich möglichst viele Menschen an der Erstürmung beteiligen, haben Einzelne eine Chance, den europäischen Boden zu erreichen, ohne von den Patrouillen abgefangen zu werden. Entsprechend bestraft die Gemeinschaft die Weitergabe von Informationen an die spanische oder marokkanische Seite. Wer der Kollaboration verdächtigt wird, dem raten seine Freunde, das Lager schnellstens zu verlassen.

Den Dokumentarfilmern Moritz Siebert und Estephan Wagner gelingt es, zusammen mit ihrem Co-Regisseur Abou Bakar Sidibé, ein lebendiges Gegenbild zu den nur flüchtig wahrgenommenen, standardisierten Nachrichtenmeldungen über die Situation am Rande Europas in Melilla zu schaffen. Die Lichtpunkte der Überwachungskameras und die Menschenmassen in den Zeitungsbildern werden in Les Sauteurs – Those Who Jump zu ausharrenden Individuen mit der Hoffnung auf einen glücklichen Sprung in eine neue Heimat und ein perspektivenreicheres Leben.