ZEIT ONLINE: Herr Ree, Sie kommen wie Magnus Carlsen aus Norwegen. Welche Bedeutung hat er für das Land?

Benjamin Ree: Norwegen ist keine Schachnation, aber schon vor der Weltmeisterschaft 2013 wussten alle, dass Magnus ein großer Spieler ist, und dann trat er auch noch gegen Vishy Anand an. Auf der Arbeit und in den Mittagspausen haben sich die Leute darüber unterhalten, Menschen jeden Alters und auch solche, die vorher nichts mit Schach zu tun hatten. Neben der Ministerpräsidentin ist er wohl die bekannteste Person in Norwegen.

ZEIT ONLINE: Was hat Sie daran gereizt, einen Dokumentarfilm über einen Schachspieler zu drehen?

Ree: Magnus' Verspieltheit. Als er 13 war, las er vor seinem Match gegen Garri Kasparow Donald Duck. Viele Vorlieben aus der Kindheit hat er beibehalten: Er trinkt noch immer denselben Orangensaft mit ein wenig Wasser und isst gern Rosinen.

ZEIT ONLINE: Das Time-Magazin zählte Carlsen zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt, die Cosmopolitan zu den "Sexiest Men of 2013". Wie verlief die Begegnung?

Ree: Ich wollte einen fünfminütigen Beitrag drehen. Weil er auch in Indien zu sehen sein sollte, stellte ich meine erste Frage auf Englisch. Magnus blickte mich verärgert an und sagte: "Das war so nicht abgemacht. Wir führen das Interview auf Norwegisch." Ich war irritiert, doch im nächsten Moment lächelte er und sagte: "Nur ein Scherz!" Das ist seine Art von Humor, Magnus liebt Streiche. Für mich war es das erste Anzeichen, dass er sich in meiner Gegenwart wohlfühlt.

ZEIT ONLINE: Aus dem geplanten Beitrag wurde ein abendfüllender Film.

Ree: Meine Geschichte erzählt von so viel mehr als nur vom Schach. Es geht darin um die Bedeutung des menschlichen Faktors, die Intuition. Magnus ist noch immer sehr kindlich, daher stammt seine Kreativität. Deshalb lautet der Untertitel des Films auch Der Mozart des Schachs. Magnus erschien mir ein bisschen wie der große Komponist in Miloš Formans Amadeus.

ZEIT ONLINE: Das Schachgenie als Kindskopf? Kaum vorstellbar.

Ree: Das Faszinierende an Magnus ist, dass er in einen inneren Schachmdus umschalten kann. Er denkt dann an nichts anderes mehr, und es ist schwierig, an ihn heranzukommen. Aber in seiner Freizeit, wenn er sich zu Hause entspannt, kümmert er sich sehr um seine Mitmenschen oder schaut mit seinen Freunden Fußball oder Monty-Python-Sketche.

ZEIT ONLINE: Was unterscheidet Carlsen von seinen Kollegen?

Ree: Die meisten Schachspieler sind äußerst diszipliniert und strukturiert, Magnus macht immer genau das, was er gerade will. Ihm wird vorgeworfen, nicht genug zu arbeiten, nur zu relaxen. Aber das ist seine Methode. An Schach denkt er ohnehin die ganze Zeit. Ein Spieler, der eine völlig andere Herangehensweise hat als alle anderen und damit nicht nur Weltmeister, sondern der bestgesetzte Spieler aller Zeiten wird, ist schon außergewöhnlich.

ZEIT ONLINE: Nun ist Schach ein strategisches Brettspiel. Wie dreht man daraus einen spannenden Film?

Ree: Schach ist sehr introvertiert, Film hingegen extrovertiert. Dieser Übersetzungsprozess hat viel Zeit gebraucht. Die Rohfassung war schrecklich, wie ein Wikipedia-Artikel. Dabei wollte ich, dass eine emotionale Verbindung zum Menschen Magnus Carlsen entsteht. Zugleich sollten sich auch Zuschauer, die wenig über Schach wissen, mitreißen lassen können.

ZEIT ONLINE: Was wollten Sie mit Ihrem Film herausfinden?

Ree: Wie Magnus' Gehirn funktioniert. Wie er so viele Figurenbewegungen im Kopf berechnen kann. Zugleich wollte ich ihn auf einer tieferen menschlichen Ebene kennenlernen. Der Film handelt auch von Einsamkeit.

ZEIT ONLINE: Der Einsamkeit des Besten?

"Für mich ist er immer noch ein Rätsel"


Ree: Wenn ich eine Idee habe, kann ich sie teilen. Diese Freude ist eine der schönsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann. Wir sind soziale Wesen und schätzen es, miteinander zu sprechen. Wenn Magnus eine Idee für einen Spielzug hat, kann er sie nicht teilen, weil ihn kaum jemand verstehen würde. Wir alle sind manchmal einsam, doch seine Art von Einsamkeit ist selten. Es gibt innere Dämonen in Magnus Carlsen, die er mit niemandem teilen will.

ZEIT ONLINE: Wie kamen Sie an die vielen Videos aus Carlsens Kindheit, die im Film zu sehen sind?

Ree: Ich wusste, dass Archivmaterial wichtig wäre, um meine Fragen zu beantworten. War Magnus ein "normales" Kind? Wie haben sich seine Eltern um ihn gekümmert? Bei seiner Tante haben wir Super-8-Filme gefunden, die seit Mitte der 1990er Jahre dort lagerten. Ich bin dann nach Amsterdam gefahren, um die Tapes zu digitalisieren, und habe entdeckt, dass das Material großartig ist. Man kann tatsächlich sehen, wie Magnus als Kind war: ganz anders als seine Geschwister. Sein Vater hat sich Sorgen um ihn gemacht.

ZEIT ONLINE: Wieso das?

Ree: Magnus war sehr gedankenverloren und kannte jede der mehr als 400 Kommunen Norwegens mitsamt ihrer Fläche, Einwohnerzahl und Flagge. Er hatte ein außergewöhnliches Erinnerungsvermögen. In der Schule langweilte er sich. Im norwegischen Schulsystem gehen alle denselben Weg, wir haben keine Eliteschulen. Deshalb war es wichtig für Magnus, einen intellektuellen Stimulus zu bekommen. Den bekam er durch Schach.

ZEIT ONLINE: Wenn man Carlsen als Kind sieht, einzelgängerisch und überdurchschnittlich intelligent, denkt man unwillkürlich an Autismus.

Ree: Ich glaube nicht, dass er Autist ist. Magnus kann sehr umgänglich sein. Wenn er relaxt, kann man witzige Gespräche mit ihm führen, er ist dann sehr präsent, fragt nach und hat Sinn für Humor. Allerdings kennen ihn so nicht viele Menschen. Und wenn er nicht auch seinen anderen, den Schachmodus hätte, in dem er alles um sich herum ausschaltet, wäre er ganz sicher nicht die Nummer eins der Welt.

ZEIT ONLINE: Haben Sie heute das Gefühl, Carlsens Erfolgsgeheimnis zu kennen?

Ree: Magnus kann seinen Erfolg selbst nicht erklären. Es gibt viele Schachspieler, die genauso viel geübt haben wie er oder sogar noch mehr. Ein Faktor ist mit Sicherheit seine Kreativität, sein freudvoller Zugang zum Schach. Aber letztlich ist er für mich immer noch ein Rätsel.