Es ist nicht ohne Ironie, dass deutsche Fernsehmacher in ihren Filmen vom richtigen Kino träumen. Also von amerikanischen Filmen. In dieser Hinsicht hat der ARD-Sonntagabendkrimi in der laufenden Spielzeit schon einiges an Ehrerbietung auf dem Kerbholz, und das, obwohl Til Schweiger, Kinodeutschlands größter Bruce-Willis-Faver, noch gar nicht ins Geschehen eingegriffen hat.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Gleich die zweite Folge nach der Sommerpause, der Stuttgarter Algorithmen-Albtraum HAL, hieß nicht nur wie der Computer aus Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum. Der Film gab sich auch sonst alle Mühe, möglichst viele Anspielungen auf das Epochalwerk von 1968 unterzubringen (und darüber hinaus: Kafka-Titel). Im Murot-Fall von letzter Woche wurde wiederum Kubrick kurz gestreift, diesmal durch einen Verweis auf Shining; vor allem orientierte sich Es lebe der Tod aber an der Dramaturgie von David Finchers Thriller Sieben

In dem Münchner Polizeiruf: Sumpfgebiete (BR-Redaktion: Cornelia Ackers, redaktionelle Mitarbeit: Tobias Schultze) dient nun Francis Ford Coppolas Film Der Dialog von 1974 als großes Vorbild. So ist Frank Jarmer (der große Niels Bormann), der neu erfundene Instant-Kollege des merveillösen, aber seit dem Fortgang der Burnhauserin (Anna Maria Sturm) einsamen Kommissars Hanns von Meuffels (Matthias Brandt), offensiv auf Gene Hackman geschminkt mit Hornbrille, Haaransatzverlängerung und Schnäuzer. Derart spielte Hackman in Coppolas Film einen Abhörspezialisten, der Opfer seiner selbst wird und überall nur noch Observation erkennt. Dieses Los ereilt in Sumpfgebiete Meuffels.

Die weibliche Gustl Mollath

Kann man natürlich machen, in seinen Lieblingsfilmen schwelgen, wenn sich die Gelegenheit bietet. Die Frage ist nur, wie man das tut. Die elegantere Möglichkeit ist das Zitat als Kunstform wie im Murot-Film oder dem Taxi Driver-Bezug im Jubiläums-Tatort (ein aus dem Krieg heimgekehrter Soldat schärft in der Personenbeförderung den Weltekel bis zum Amoklauf).

Die unelegantere ist das Anwanzen ans Berühmte, wofür leider der Münchner Polizeiruf steht (Regie: Hermine Huntgeburth). Hier bleiben die Anspielungen aufs Original dekorativ, sie wirken wie die Quengelware an der Supermarktkasse: Wenn wir schon Einkaufen gehen in einer Geschichte über Paranoia, dann nehmen wir die verführerischen Hinweise auf den kanonisch-schicken Film doch mit.

Keine stabile Seitenlage

Hauptsächlich ist Sumpfgebiete eine Paraphrase auf den Fall Gustl Mollath, eines der größten Justizskandale Bayerns. Im Polizeiruf wird Meuffels mit Julia Wendt (Judith Engel), der weiblichen Gustl, konfrontiert, die sich zu Unrecht fünf Jahren in der geschlossenen Psychiatrie eingesperrt sah und nun brisante Daten von einer Steuersünder-CD leaken will, was ihr verstorbener Mann und dessen Bank seinerzeit verhindern wollten.

Als die Frau überfahren wird, geht ihr Wahn auf Meuffels über. Leider weiß man nicht so richtig, wann die Traumsequenz anfängt, in der Meuffels über dem Bild der aus dem Auge blutenden Frau aufschreckt – der Unfall könnte auch dazugehört haben, so wie sich der Kommissar liebhaberhaft über sie beugt, statt zu Wiederbelebung und stabiler Seitenlage zu schreiten.