Was bringt Menschen dazu, ehemalige Konzentrationslager zu besuchen? Diese abzulaufen, Fotos zu schießen und sie auf ihren Urlaubslisten mit einem Haken zu versehen? Schrecken fasziniert – deswegen schürt die grauenvolle Vergangenheit das Interesse an diesen Orten auf besondere Weise. Sicher, viele Besucher wollen Anteil nehmen an den Schicksalen, die mit diesen Erinnerungsstätten verbunden sind und begeben sich gezielt auf die Suche nach Informationen, Hintergründen und Wahrheiten. Doch für die Tourismusindustrie handelt es sich bei ehemaligen Arbeits- und Vernichtungslagern schlicht um Destinationen.

Der ukrainische Filmemacher Sergei Loznitsa fängt in seinem Dokumentarfilm Austerlitz in statischen Aufnahmen Besuchermassen in Sachsenhausen, Dachau und anderen ehemaligen Konzentrationslagern ein. Seine unkommentierten, aller Farben beraubten Bilder zeigen Touristen, die an einem Sommertag einen der Schreckensorte der systematischen Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten besuchen, als wäre es tatsächlich eine Destination wie jede andere, wie die Anlagen von Versailles oder die Parks von Sanssouci.

Rucksack geschultert, Reiseführer und Kamera in der Hand schlendern Menschen auf das schmiedeeiserne Tor des Konzentrationslagers Sachsenhausen zu, hinter dem einst Qualen und Tod warteten. Manche posieren vor dem Schriftzug "Arbeit macht frei", um ihren Besuch festzuhalten und vielleicht die Follower daran teilhaben zu lassen. Das ist makaber, denn es scheint nicht mehr relevant zu sein, dass diese zynische Parole die Opfer einst verhöhnte. Dabei illustriert Austerlitz nichts anderes als den alltäglichen Tourismusbetrieb, der das düstere Kapitel der Judenverfolgung weder leugnet noch gutheißt, sondern es einfach zu einem weiteren Rädchen der Kapitalismusmaschinerie werden lässt. So verkommt das Lager bei Loznitsa zur bloßen Sehenswürdigkeit, deren Besuch statt kollektivem Gedenken nichts als personalisierte Andenken generiert.

Kino - "Austerlitz" (Trailer)

Austerlitz hat trotz der Sommerszenerie, in der Touristen in kurzen Hosen umhergehen, etwas Bleiernes. Wie schon in seiner Dokumentation Maidan zeigt der Regisseur Bilder von Menschenmengen in extremen Teleobjektiv-Totalen, aus denen sich der Betrachter Individuen herauspicken kann, um ihnen mit dem Blick zu folgen, bis sie wieder aus dem gegebenen Bildausschnitt verschwinden. Touristen kramen in ihren Taschen oder pressen sich die Audioguides ans Ohr, während ein Schoßhund in einem Kinderwagen immer wieder durch das eine Standbild geschoben wird. Auf der Tonspur vernimmt man die Schritte der Touristen, ihr Stimmengewirr und in ruhigen Momenten das Zirpen der Zikaden. Manchmal sind auch die Tourguides zu hören, die auf Englisch, Deutsch oder Spanisch Wissenswertes zur jeweiligen Gedenkstätte mitteilen und ein babylonisches Sprachenwirrwarr erzeugen.

Es ist diese spröde Stringenz, die irgendwann Fragen aufwirft: Ist es unangebracht, mit kurzen Shorts und Sonnenbrille eine Gedenkstätte zu erkunden? Darf ein Konzentrationslager zur Massentourismusdestination werden? Liegen die Schrecken der Vergangenheit schon so weit zurück, dass ein emotionaler Zugang nicht mehr möglich ist? Ist die Erinnerungskultur gescheitert? Sergei Loznitsa lässt den Zuschauer mit solchen Gedanken allein. Keine Kommentare, keine lenkende Musik, keine Antworten bietet der Filmemacher an.

In seinem Film KZ vermittelte Rex Bloomstein schon 2007 ebenfalls einen Einblick in den Gedenkstättentourismus. Der britische Regisseur interviewte und begleitete in seiner Dokumentation Touristen in Mauthausen, Mitarbeiter der Gedenkstätte und Einwohner des Städtchens, das in unmittelbarer Nachbarschaft zur ehemaligen Vernichtungsstätte liegt. Wie Loznitsa versteht sich auch Bloomstein als stiller Beobachter der unterschiedlichen Reaktionen der Touristen auf den Erinnerungsort. Über beiden Filmen schwebt dabei die Sorge des Scheiterns der Erinnerungskultur, wenn Ausführungen der Tourguides zu Schreckensanekdoten für die Besucher verkommen. In beiden Filmen wächst das unangenehme Gefühl, dass Vergangenheit und Gegenwart an den sogenannten Orten des Grauens nicht mehr zusammenpassen wollen.

Dennoch: Besuche von Holocaust-Gedenkstätten bleiben wichtig, um gegen das Vergessen anzukämpfen. Was in Loznitsas experimentellem Film stark in den Hintergrund tritt, wird in der YouTube-Dokumentation der Regisseure Sagi Bornstein und Udi Nir deutlich. So statisch und distanziert Loznitsa in Austerlitz vorgeht, so involviert, bunt und bewegt präsentiert sich die vom Bayrischen Rundfunk betreute Dokumentation #Uploading_Holocaust.