Das Nützliche an Thilo Sarrazin ist, dass man an ihm ablesen kann, wie sehr sich der Zeitgeist nach rechts bewegt: Als er vor sechs Jahren ein krudes Thesenbuch vorstellte, Deutschland schafft sich ab, löste er noch große Gefühle aus, da war er noch Ressentimentmeister. Jetzt, Dezember 2016, ist er trotz unveränderter Vorurteilskraft nur noch einer von vielen. Sie haben ihn rechts überholt: Frauke Petry, Björn Höcke, Donald Trump.

An diesem Abend, Montag, 23.15 Uhr, RTL, steht ohnehin nicht er im Mittelpunkt. Sondern ein Stuhl. Und auf ihm wiederum sitzt er, Thilo Sarrazin.

Zum Thementag Innere Sicherheit – Wie sicher ist Deutschland? hat RTL ein Format aus der Versenkung geholt, das Anfang der Neunziger mal das Fetzigste war, was das Fernsehen an politischem Talk im Angebot hatte: Der heiße Stuhl. Fünf Millionen Menschen schauten damals zu, wenn ein kampfeslustiger Diskutant mit steiler These vor einer Reihe von kampfeslustigen Gegendiskutanten Platz nahm. Man stritt sich über die großen Fragen der Zeit. Gewalt im Fernsehen, Neonazis, Karneval. Moderiert von Ulrich Meyer, der den Zeigefinger Richtung Zuschauer streckte und so Sätze sagte wie: "Sie sollten dabei sein, wegsehen oder schweigen gilt nicht!"

Flüchtlingswelle, Sexmob: Für Sarrazin alles eins

Hat Der heiße Stuhl den Flug mit der Zeitmaschine gut überstanden? Das Thema heißt Ein Jahr nach Köln – wie sicher ist Deutschland? und insinuiert, dass Köln ein Zustand ist, der ein Anfang hat und ein Ende. Die Diskutanten stehen aufgereiht vor Sarrazin: Khola Maryam Hübsch, muslimische Publizistin, Kai Gehring, Bundestagsabgeordneter der Grünen, Annabelle Mandeng, Schauspielerin und Moderatorin, Arnold Plickert, Gewerkschaft der Polizei. Steffen Hallaschka moderiert. Ein redlicher, recht langweiliger Typ. Ist doch mal angenehm in diesen Zeiten.

Thilo Sarrazin könnte man, hätte man zuvor nie etwas von ihm gehört, auf den ersten Blick sympathisch finden, wie er dort hilflos auf diesem Stuhl sitzt, diesem wahrlich hässlichen Möbelstück, das Assoziationen zu Raumfahrt und Todesstrafe zulässt: Hat der Raketenantrieb? Kann man da Strom durchjagen? Doch die Sympathie endet spätestens, als Sarrazin sagt: "Wenn eine Million Männer ins Land kommen ohne Zugang zu Mädchen und Frauen, dann ist das sowieso ein Problem." Flüchtlingswelle, Sexmob – er schiebt die Bilder gefährlich übereinander.