Ach, was soll man in diesen bedrückenden Tagen auch noch auf eine Neuverfilmung von Winnetou einschlagen. Wiewohl man könnte. Aber vielleicht ist es genau das, was einem jetzt gut tut und man sich nicht versagen darf: die leichte Unterhaltung. Das gut gemachte Belanglose, der hochauflösende Trash. Begrabt den guten Geschmack an der Biegung des Flusses. 

"Mein Herz will", raunt Old Shatterhand. "Aber mein Kopf sagt, ich werde nie ein Apache sein. Nie." – "Du Friedensvertrag", antwortet Winnetou, "zwischen dein Herz und dein Kopf."

Es sind Sätze wie diese, bei denen sich das Gesicht nach innen stülpt, als hätte man auf eine viel zu süße Praline von Omas Adventsteller gebissen. Der Trick: nicht aufregen. Man muss nur kurz abwarten, und – plopp! – schon stülpt es sich wieder nach außen, und man kann weiterschauen. Genauso hat man sich doch auch schon durch Paulo-Coelho-Büchlein gekämpft, um mit gewissen Mädchen/Jungs ins Gespräch zu kommen, damals, im Grundstudium.  

Die aus Kitsch errichteten Welten des brasilianischen Gebrauchsphilosophen Paolo Coelho und des sächsischen Mythomanen Karl May haben ja durchaus etwas gemeinsam: Sie bestehen aus Gegenteilen, aus gut und böse, schön und hässlich, hell und dunkel, ursprünglich und kapitalistisch, dazwischen liegt nichts als die endlose Ebene der erzählten Graslandschaft, alles ist einfach, die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens passt auf einen Heckklappenaufkleber. Und am Rückspiegel baumelt der Traumfänger.

In drei Teilen läuft das Epos vom Apachenhäuptling und seinem Blutsbruder nun an Weihnachten. Auf RTL, wo man aus alter Sehgewohnheit stets befürchten muss, dass sich in einem verlotterten Wigwam zärtliche Cousinen liebkosen und mitten in der Prärie Olli Geissen auf dem Chartsofa lauert. Wo man aber eben niemals erwarten sollte, geistig gefordert zu sein, es sei denn, man hat bereits den Telefonjoker verbraten.

Kopfüber ins Seichte

Wotan Wilke Möhring als Old Shatterhand scheint es, ohne ihm etwas unterstellen zu wollen, ganz ähnlich zu gehen. Er hat sich nach Lektüre des Drehbuchs offenbar entschieden, sich fallen zu lassen, kopfüber ins Seichte. Da es im Wilden Westen ohnehin keine Autos und somit auch keine Lenkräder gibt, auf die er, wie sonst, von der Beschissenheit der Dinge zutiefst angefressen, eindreschen könnte, sein signature move in Dutzenden von Fernsehfilmen, spielt er seine Rolle von vornherein mit der sympathischen Blässe eines Teilnehmers an der Studiosus-Bildungsreise "Auf den Spuren der Apachen", demütig vor der Schönheit der Natur und dem Edelmut des Urvolks.

Sein Lederanzug passt ihm so angegossen wie einem pensionierten Erdkundelehrer die Dreiviertelhose mit Funktionstaschen. An die leicht bizarre Günter-Netzer-Perücke, die er sich zu Drehbeginn aufsetzen musste, hat er sich so sehr gewöhnt, dass er sie auch beim Interview mit dem Magazin DB Mobil noch trug. Was man nicht alles tut für einen Friedensvertrag zwischen "dein Herz" und "dein Kopf".

Schon Franz Kafka kannte ja den Wunsch, Indianer zu werden. In der 1913 veröffentlichten Prosaminiatur schrieb er: "Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glatt gemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf." Etwas kürzer sagte es Otto Waalkes: "Sie ritten durch die neblige Nacht, und als es dämmerte, merkten sie, dass sie ihre Pferde vergessen hatten."