Totila Blumen (Lars Eidinger) ist ein Mann, der sich nicht im Griff hat. Er sagt ständig Dinge, die man nicht sagt und die er auch gar nicht so meint. Die Worte purzeln aus ihm heraus wie aus einer aufgerissenen Mülltüte. Und dann liegt das Zeug auf der Treppe, die anderen müssen drüber steigen und nicht alles lässt sich rückstandslos zusammenfegen. Aber es sind nicht nur die verbalen Ausfälle, die den zwischenmenschlichen Umgang mit ihm erschweren. Einmal in Rage geraten neigt der Mittvierziger auch zu Handgreiflichkeiten.

Gerade ist Totila über seinen neuen Vorgesetzten hergefallen und hat ihm einen Zahn ausgeschlagen. So etwas macht man nicht und erst recht nicht in diesem Beruf. Totila ist Holocaust-Forscher an der "Zentralen Stelle" in Ludwigsburg, die gerade einen Auschwitz-Kongress vorbereitet. Wenn es um die Integrität des Instituts geht, ist Totila immer der Erste, der die Moralkeule schwingt. Als die Mitarbeiter im Konferenzraum vor dem Foto eines Konzentrationslagers die mitgebrachten Delikatessen der französischen Praktikantin verkosten, kippt er den Kram angewidert vom Teller zurück in die Schüssel. Für die Pläne seines neuen Chefs Balthasar (Jan Josef Liefers), die Räumlichkeiten für das Event einer Bio-Food-Firma zur Verfügung zu stellen, hat er nur Verachtung übrig.

Totila ist nicht nur allzu eng und auf ungesunde Weise mit seinem Beruf verbunden, die Bindung ist auch persönlich. Sein Großvater war als SS-Offizier für die Liquidierung der Juden in Riga verantwortlich. Der Enkel hat darüber ein Buch mit dem Titel 10.000 Morde veröffentlicht. Seitdem spricht die Familie kein Wort mehr mit ihm. Mit seiner unermüdlichen Arbeit betreibt Totila auch verwandtschaftliche Wiedergutmachung. Man schaut den Mann an und sieht, dass seine Bestrebungen zum Scheitern verurteilt sind.

In die Stagnation der Schuldneurosen kommt frischer Wind, als Zazie Lineau (Adèle Haenel) beim Institut anheuert. Ihre jüdische Großmutter wurde von den Nazis in einem Gaswagen ermordet. Auch Zazie hat die Holocaust-Forschung zu ihrem Beruf gemacht und steht ihrem neuen Kollegen an Impulsivität und Verrücktheit in nichts nach. Die junge Französin redet sich permanent um Kopf und Kragen. Euphorie, Wut und abgrundtiefe Traurigkeit sind in ihrem quirligen Wesen nur einen Herzschlag voneinander entfernt. Für eine verkopfte Spaßbremse wie Totila ist die neue Praktikantin eine wandelnde Provokation. "Holocaust-Forscher mit Humor sind wie eine Popo ohne Loch" sagt sie in astreinem "Freutsch" zu ihm, worauf sich eine minutenlange Debatte über die Unzulänglichkeit dieser rhetorischen Figur anschließt.

Zwei Menschen, die mit solcher Wucht aufeinanderprallen, müssen sich irgendwann ineinander verlieben – zumindest im Kino. Es ist eine durchaus gewagte Versuchsanordnung, die Chris Kraus (Poll) in seinem neuen Film Die Blumen von gestern aufstellt. Eine romantische Komödie, in der der Enkel eines SS-Mörders mit der Enkeltochter eines Holocaust-Opfers verkuppelt wird. Kann so etwas gut gehen?

Ungeheuerliches in der eigenen Familiengeschichte

Die Frage wird vom Publikum sicherlich kontrovers beantwortet werden und das ist auch gut so. Schließlich will Kraus, wie er sagt, "Licht und Luft" an ein Thema lassen, das ihn selbst seit sechzehn Jahren beschäftigt. Damals fand er heraus, dass sein Großvater als Mitglied der SS-Einsatzgruppen an der Ermordung zahlreicher Juden beteiligt war. Bei seinen Recherchen hat Kraus nicht nur Ungeheuerliches über seine Familiengeschichte aufgedeckt, sondern traf in den Archiven auch auf Enkel von Holocaust-Opfern, die dort dem Schicksal ihrer Großeltern nachforschten. Aus diesen Begegnungen entstand die Grundidee zu Die Blumen von gestern, der das Thema Holocaust und Nationalsozialismus aus der Perspektive der dritten Generation beleuchtet.

Der Film schlägt von der ersten Minute an eine forsche Gangart ein, nennt die Dinge direkt beim Namen und lässt die Widersprüche rasant aufeinanderprallen. Dabei nimmt Kraus nie die Pose der Provokation ein und entfernt sich doch meilenweit von den betulichen Gedenkritualen, in denen sich die offizielle Vergangenheitsbewältigungskultur dieses Landes so gemütlich eingerichtet hat. Die Qualität von Die Blumen von gestern ist, dass er ein scheinbar durchdekliniertes Thema auf erfrischende Weise neu betrachtet, indem er es strikt persönlich behandelt und in seinen neurotischen Figuren die verstörenden Facetten in all ihrer Ambivalenz zum Klingen bringt.

Das ist zuerst einmal ungeheuer komisch. Kraus Dialoge sind von fast schon Woody Allen'scher Brillanz und Schnelligkeit. In ihnen bilden sich die verzweifelten Suchbewegungen der Figuren ab. Gerade die verbalen Entgleisungen des übereinander stolpernden Noch-Nicht-Liebespaares bringen die Dinge oftmals auf den Punkt. Dann wieder schafft der Film Raum, in dem die Figuren in ihrer unbeholfenen Verletzlichkeit zutiefst berühren. Ein solches Wechselbad muss man nicht nur schreiben und inszenieren, sondern vor allem auch spielen können. Lars Eidinger arbeitet sich tief in die Neurosen seiner Figur ein, ohne sie zur Karikatur verkommen zu lassen. Ihm gegenüber steht die hochbegabte Adèle Haenel (Das unbekannte Mädchen), die Zazies Stimmungen unberechenbar wie eine Flipperkugel durch den Raum schießen lässt. Den beiden folgt man gern bis in die letzten Seelenwinkel und sogar hin zu einem kurzen Moment von Glück, Versöhnung und Leichtigkeit, der schon bald wieder vom Wind der Historie verweht, aber nie ganz verloren gehen wird.