Ang Lee war immer ein Darling des Arthouse-Kinos, Filme wie Brokeback Mountain und Life of Pi sind schön anzuschauen und gerade nur so herausfordernd, dass es nicht anstrengend wird. Mit seinem neuen Kriegsdrama Die irre Heldentour des Billy Lynn allerdings hat er in den USA eine empfindliche Bauchlandung hingelegt. Dabei ist der Film aller berechtigten Kritik zum Trotz interessant. Für ein amerikanisches Publikum auch schmerzhaft. Weil die Geschichte in einer Zeit spielt, die vielen als Nukleus einer politischen Entwicklung gilt, deren vorläufigen Höhepunkt man heute fassungslos in der Gestalt des Donald Trump bestaunt. Das Amerika des George W. Bush im Jahr 2004 dagegen – es wirkt in Ang Lees Film fast schon museal.

Nicht nur, weil die Figuren hier auf niedlich altertümlichen Handys kurze SMS tippen, Tetris spielen, damit telefonieren – und sonst nichts. Kein Twitter, kein Facebook, keine Selfies. Sondern auch wegen des Bilds, das die USA hier abgeben. Die hatten damals immerhin gerade 9/11 erlebt und die Weltöffentlichkeit über angebliche Massenvernichtungswaffen des Iraks getäuscht, in der Folge provozierten sie den Dritten Golfkrieg und wurden in einen blutigen Bürgerkrieg mit vielen Opfern auch unter dem US-Militär verwickelt – dieser taumelnde Riese also erscheint in Die irre Heldentour des Billy Lynn geradezu beschaulich und entspannt. Was wohl mehr über die Hysterie der Gegenwart verrät als über das Jahr 2004.

Natürlich unterstützt Ang Lees Film diese Wahrnehmung nach Kräften, das macht ihn so schön übersichtlich und angreifbar zugleich. Aber selbst seine vereinfachende Dramaturgie beleuchtet Themen, die die USA bis heute beschäftigen und belasten.

Die Geschichte folgt den Soldaten der Einheit Bravo Squad, die von den Medien aufgrund zufällig gefilmter Aufnahmen eines Gefechts im Irak zu Helden erklärt wurden. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht der 19-jährige Billy Lynn (Joe Alwyn), weil er versuchte, bei dem Kampf seinem Vorgesetzten (Vin Diesel) das Leben zu retten. Jetzt ist Bravo Squad auf Propagandatour in der Heimat. Letzte Station nach diversen Einkaufszentren und Fernsehauftritten ist ein Footballspiel der Dallas Cowboys. Danach müssen die Jungs zurück ins Kriegsgebiet.

Im Stadion werden Billy und seine Kameraden mit der üblichen Mischung aus naiver Heldenverehrung und kaum verhohlener Abneigung begrüßt und müssen die immer gleichen Fragen beantworten. Wie fühlt es sich an, jemanden zu töten? Welche Waffen benutzen sie? Fühlen sie sich wie Helden? Abgelenkt von der bizarren Routine wird Billy von Cheerleader Faison, mit der er hinter einem Vorhang knutscht. Die ohnehin schon angespannte Stimmung droht zu kippen, als Bravo Squad ohne Absprache bei einer aufwändigen Halbzeitshow mit den Sängerinnen von Destiny's Child auftreten sollen.

Kino - "Die irre Heldentour des Billy Lynn" (Trailer)

Wie blutjunge Soldaten zu Helden stilisiert und in einer gefräßigen Entertainment-Maschine verwurstet werden – diesen Stoff verarbeitete Ben Fountain in seinem gefälligen Roman Die irre Heldentour des Billy Lynn. Ang Lee nutzt für seine Verfilmung alle Mittel, um Fountains Parallelisierung von Brot und Spielen auf der einen und Krieg auf der anderen Seite sinnfällig und sinnlich zu mache: Das Bravo Squad läuft im Stadion durch eine wachsende Menschenmenge – und steht nach einem Schnitt auf einem überfüllten Basar im Irak, wo jeder Mensch ein potenzieller Angreifer ist. So verschränken sich in Lees Film Vergangenheit und erzählerische Gegenwart und entlarven sich gegenseitig.