1970 kam die erste Koproduktion eines Spielfilms mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen in die deutschen Kinos: Warum läuft Herr R. Amok? von Michael Fengler und Rainer Werner Fassbinder. Er spielt zur Vorweihnachtszeit und erzählt von Herrn R., der die kleinbürgerliche Verlogenheit seiner Umgebung nicht mehr erträgt. Sein Amoklauf kann heute als Metapher für die Anliegen des Neuen deutschen Filmsgedeutet werden: Abrechnung mit der Kriegsgeneration der Väter und Mütter, mit der Trivialität des Heimatfilms und der Anspruchslosigkeit der Karl-May-Schulmädchenreport-Lümmel-Filmreihen, die das Kino der 1960er Jahre beherrschten. Die Vertreter des Neuen deutschen Films wollten radikal neues, gesellschaftskritisches Kino machen. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen war dabei an ihrer Seite.

Es war der Anfang einer konfliktreichen Ehe zwischen ungleichen Partnern: auf der einen Seite freie Kunstschaffende in prekärer Situation, die mit ihren Filmen gesellschaftliche Zustände reflektieren wollten, auf der anderen Seite eine behördenähnliche Anstalt mit festangestellten Redakteuren, die sich – unabhängig vom Markt – erlauben konnten, künstlerische Gegenstimmen und Eigenwilligkeiten zu ermöglichen, die keine finanziellen Rückflüsse erwarten ließen.

Trotz dieser heiklen Machtverteilung blieb die Partnerschaft immer dann stark, wenn es galt, Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs und Zeiten der Krise filmisch zu reflektieren sowie neuen Strömungen eine filmische Stimme zu verleihen.

Erste schwul-lesbische Filme entstanden wie Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er sich befindet von Rosa von Praunheim, feministische Filme wie Die allseitig reduzierte Persönlichkeit – Redupers von Helke Sanders koproduziert vom WDR, lange bevor die Forderung nach der Frauenquote zum politischen Mainstream wurde. Das ZDF entdeckte und ermöglichte die ersten Filme Fatih Akins und weiterer Vertreter des deutsch-türkischen Kinos.

Überall, wo deutsches Kino relevant war und auch im Ausland für Aufmerksamkeit sorgte, war der öffentlich-rechtliche Rundfunk beteiligt. So konnte das Kino einen künstlerischen Ausdruck für gesellschaftliche Krisen und Umbrüche finden.

Wieder Zeiten extremer Unsicherheit

Heute leben wir wieder in einer Zeit extremer Unsicherheit und des Wandels. Heute braucht es keinen Herrn R. mehr, der stellvertretend die kleinbürgerliche Vorweihnachtszeit zertrümmert. Amokläufe finden real statt. Aber es braucht Autorenfilmer und Künstler, die diese Krisenzeiten filmisch reflektieren. Doch ausgerechnet jetzt zieht sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen schleichend aus künstlerisch eigenwilligen Kino-Koproduktionen zurück.

Den Redakteuren schwinden die Möglichkeiten, wir Filmemacher hören neue Töne: Der Zuschauer wünsche sich in unsicheren und komplizierten Zeiten nicht auch noch Filme solcher Art! Gesucht werden Projekte mit regionalem Bezug, heimatbezogene Stoffe, gerne in Mundart, Komödie, maximal Dramedy: ernste Themen, leicht angepackt, mit Augenzwinkern, am Ende Auflösung und Heilung aller Konflikte. Oder Historisches, Krisenzeiten, die lange genug zurückliegen, sodass uns die filmische Beschäftigung damit nicht mehr verunsichern muss. Der Zuschauer wünsche Antworten und nicht noch weitere Fragen und Probleme!