Am Anfang steht ein Pfau. Leuchtend blau die Federkrone auf dem Scheitel, braun gescheckt das Gefieder des Rumpfs, grünlich-golden die lange Schleppe seiner Schwanzfedern. Wenn man nur einzelne Federn des Vogels finden würde, fragt eine Stimme aus dem Off, würde man glauben, dass sie vom gleichen Tier stammen? Und wie würde man sich dieses Tier vorstellen? Gibt es eine Geschichte, die dem Gefieder des Pfaus gleicht? Vielleicht die Geschichte von Antek, antwortet die Stimme sich selbst.

Die Geschichte von Antek (Godehard Giese) beginnt an einem Bahnhof in der nordfranzösischen Provinz irgendwo bei Reims. Verloren steht er in der Sommerhitze auf den Gleisen, ein Mann um die 40. "Monsieur Liebmann?", ruft jemand. Und schon da – fahriger Blick, einsilbige Antworten, große Unruhe – spürt man: Mit dem stimmt was nicht. Kaum hat Antek sein bisschen Gepäck bei seinem neuen Vermieter abgestellt, schiebt er manisch die alten Möbel durch die Wohnung, die Jalousien heruntergezogen, das Gesicht verschwitzt. Und auch wenn sich Liebmann noch von ganz anderer Seite zeigen wird – diese panische Beklemmung vom Anfang wird der Grundton bleiben.

"Gottlob! Durch meine Fenster bricht / Französisch heitres Tageslicht / Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen / Und lächelt fort die deutschen Sorgen", heißt es bei Heinrich Heine, einem, der ebenfalls freiwillig Exil im Nachbarland suchte. Und es ist, als würde Jules Herrmann dessen frankophiles Feminitätsphantasma parodieren, wenn sie nun gleich nach der trüben Ankunft das personifizierte Klischee bei Liebmann hineinwehen lässt: Geneviève (Adeline Moreau), die hübsche Nachbarin, Haare: rostrot, Teint: blassrosé, Lippen: pfirsich. Wie sie vor der Tür steht, umhüllt von Mittagssonne und Zikadenzirpen, ist man kurz geneigt, sich auf ein wenig Kitsch gerne einzulassen.

Doch Jules Herrmann bleibt ihrem Pfau-Prinzip treu: In eben jenen Momenten, in denen die Überleitung zu einer dieser sonnengefluteten Ferienhaus-Erzählungen greifbar scheint (und aus einer solchen mag man Godehard Giese ja kennen seit Tom Sommerlattes Debüt "Im Sommer wohnt er unten"), kehrt die Regisseurin zur offensichtlichen Malaise ihres Protagonisten zurück: Vorsichtig, ein wenig flatterhaft nähert sie sich Liebmann, diesem Eremiten, der nächtelang Radio hört, trinkt und ein wenig unschlüssig scheint bei der Entscheidung, ob er dem Charme Genevièves nachgeben möchte oder doch lieber dem des jungen Sébastien (Fabien Ara), den er im Trödelladen kennenlernt.

So offenbart sich "Liebmann" beinahe nach dem Prinzip des Ausschlussverfahrens: Nein, es wird keine pastellfarbene Liebeserzählung. Nein, es wird nicht die Geschichte eines Deutschen, der in Frankreich einen culture clash erlebt. Im Gegenteil: Die Szenen, in denen Liebmann auf seine Nachbarn trifft, sind derart präzise gezeichnet, diese etwas unangenehmen Momente angesichts der Sprachbarriere so glaubwürdig getroffen, dass sich die Frage nach einer stereotypen Darstellung gar nicht erst stellt.

Ein Jagdgewehr unterm Bett

"Liebmann" ist die Geschichte eines Menschen, der das Weite gesucht hat, aus Gründen, die dem Zuschauer lange vorenthalten bleiben. Zugleich ist Jules Hermanns Debüt eine Reminiszenz an das filmische Erzählen. In kurzen, eingeschobenen Kapiteln spielt sie mit bekannten Genres: eine améliehafte Szene, in der ein Liebeskuchen gebacken wird, eine Historienfilm-Persiflage, in der man Strindberg spielt, eine großväterliche Geschichtsstunde bei den Nachbarn ("Die Deutschen kommen gern nach Frankreich, schon seit langer Zeit"). Herrmann kennt sich in ihrem Medium aus, das wird offenbar, wenn sie das kollektive Kopfkino immer wieder in Gang bringt – und dann abbricht.

Godehard Giese, mit seinem Karohemd zwischen Baumarktpapi und Jungjurist changierend, spielt dabei den Liebmann so, dass man dessen Schwanken zwischen Nähe und Distanz beinahe so schmerzhaft miterlebt, wie es Sébastien und Geneviève erfahren müssen: Nach einem seltenen Moment zärtlicher Nähe verängstigt dieser Liebmann, der unter dem Bett ein Jagdgewehr lagert. Warum er denn nicht schlafen könne, fragt Sébastien einmal. Ihm fehle das Wort, weicht Liebmann aus.

Leider serviert uns die Regisseurin am Ende dann doch noch den Pfau zum Gefieder. Ein unangekündigter Besuch aus Deutschland offenbart, warum Liebmann trauert. Fragen nach Schuld und Verantwortung stellen sich plötzlich ein wenig laut. Dennoch hat Jules Herrmann ein schimmerndes Debüt geschaffen und eine ganz eigene Weise filmischen Erzählens.