Hefte raus, Klassenarbeit! Die unterschwellige Staatspropaganda hämmert an die Tür, Volkserziehung steht auf dem Stundenplan. Die Hausaufgaben beim Tatort lauten diese Woche: Wer ist böse, wer ist gut? Ist "realistisch" nur, was mir passt? Seit wann schaue ich die immer schlimmer werdenden Tatort-Folgen nicht mehr? Wie oft schreibe ich das hier noch hin? Welche Farbe hat linksgrün? Die richtigen Antworten bitte bis Montagmittag in den Kommentarbereich unten. Wer falsch antwortet, zahlt ein Quartal lang den verdoppelten Rundfunkbeitrag oder wie das heißt.

Kleiner Spaß vorweg! Denn für die Mühselig-Beladenen in unserer beschaulichen Runde hier muss die Programmierung des Kölner Tatort: Wacht am Rhein (WDR-Redaktion: Götz Bolten) an diesem Sonntag wie der Punkt unter dem 12. Ausrufezeichen wirken. Schon wieder! Es geht nämlich wie in der vergangenen Woche um eines der hitzigsten Themen unserer Zeit; auch in diesem Tatort kommen migrantische Kriminelle und – diesmal in Form einer Bürgerwehr – rechte Locals vor.

Grund dafür ist, auch wenn diese Erklärung den Mühseligst-Beladenen schnuppe sein wird, dass die Frankfurter Folge von letzter Woche vorgezogen wurde, weil die Fertigstellung der ursprünglich für den 8. Januar geplanten Episode sich verschob.

An der thematischen Überschneidung hat freilich auch der Föderalismus der Sendeanstalten Schuld. 22 verschiedene Tatort-Schauplätze listet die ARD aktuell auf, dazu kommen noch drei Polizeiruf-Teams (Rostock, Magdeburg und der dann wohl bald, oh no, scheidende merveilleuse Meuffels in München). Macht 25 verschiedene ARD-Sonntagabendkrimis, die potenziell alle irgendwas mit Gegenwart machen wollen, die alle reinhalten ins Gerangel um die politisch markanten Stoffe wie die Sprinter bei den Zielankünften der Tour de France. Da wird es, selbst wenn es eine Form der Koordination gibt, immer zu Ballungen kommen.

In der Binnenlogik des Kölner Tatort ist Wacht am Rhein natürlich die fix zusammengezimmerte Reaktion auf "Köln" (mittlerweile: "Köln 1"), den Silvesterabend, die Neujahrsnacht 2015/16. Man kann sich die Projektbesprechung lebhaft vorstellen ("Müssen wir was zu machen, schon damit uns nicht vorgeworfen wird, wir würden ein Thema tabuisieren"). Und die Folge plappert ihren Ehrgeiz, sich journalistisch zu verhalten, sogar aus: Die Wacht am Rhein ist der erste Tatort, der von der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten redet.

In einer kurzen Radiomeldung, die eigentlich fallrelevante Informationen ausgeben soll, wird der 45. Präsident erwähnt. Was nicht ohne Humor ist, denn "realistisch" betrachtet würden sich dann die in sommerlicher Atmosphäre stattfindenden Ermittlungen auf fast vier Monate ausdehnen: Am 19.07.2016 soll Lars Deisböck (Paul Falk) in der Tierhandlung seines Vaters getötet worden sein; Trump wurde am 9.11.2016 gewählt. So geräumig sind Fiktionen.

Gleichzeitig lässt die Wacht am Rhein (Drehbuch: Jürgen Werner) keine übermäßige Ambition erkennen, plausible Figuren zu erfinden. Der Bürgerwehr-Chef (Ex-Heiko Drechsler aus Magdeburg: Sylvester Groth), die Agentur-Hipsterin (Karoline Bär) und der migrantische Kriminelle Khalid Hamidi (Samy Abdel Fattah) reden, wie in den medial kursierenden Standardhaltungen zum Thema eben geredet wird. Das erzeugt vor allem bei Hamidi ein erstaunliches Gefälle. Er ist klug genug, das Problem seiner Zurücksetzung zu diskursivieren, zugleich aber so bekloppt, eine Tierhandlung zu überfallen, deren Besitzer gerade um den Überfall geworben hatte. Das ist einer der, naja, Twists der Handlung, dass der vor der Pleite stehende Besitzer eine Falle stellt, indem er überall rumerzählt, wie viel Geld bei ihm angeblich zu holen sei, damit die Bürgerwehr was zu tun kriegt.