Da sitzen sie und halten sich fest an den Händen. Ali Hamady (Kida Khodr Ramadan) ganz in Schwarz, der gute Anzug, seine Frau Kalila (Maryam Zaree) in weißer Hose und Tunika. Ein bisschen wie ein Brautpaar sehen die beiden aus, aber sie sitzen nicht im Standesamt, sondern in dieser verdammten Ausländerbehörde. Ein Ort, den Hamady seit 26 Jahren gut kennt, so lange lebt der Libanese schon mit befristetem Aufenthaltsstatus. Und jedes Mal gibt es nur eine weitere Verlängerung. Doch jetzt stehen die Zeichen gut, die füllige Sachbearbeiterin lacht über seinen Witz und sagt, dass die Pässe wohl nächste Woche da seien.

Ali Hamady, das weiß im Einwohnermeldeamt niemand, ist der Kopf eines kriminellen libanesischen Clans, er kontrolliert Drogenhandel, Glücksspiel und Prostitution in seinen vier Blocks rund um die Sonnenallee in Berlin-Neukölln. Einen Paten, der auf den Plastikstühlen einer Behörde schwitzt, gab es bislang nicht im Mafiagenre. Es ist nicht die einzige Szene, in der sich 4 Blocks von anderen Serien unterscheidet.

Nach den ersten zwei Folgen, die auf der Berlinale gezeigt wurden, kann man sagen: Das könnte das deutsche Gomorrha werden. Die High-Deck-Siedlung in Neukölln, in der gleich am Anfang eine Razzia stattfindet, erinnert mit ihrer Betonbrückenarchitektur stark an die neapolitanischen Bauten in Scampia. Aggressive Jungs bewerfen die Beamten von oben mit Gegenständen, die Situation droht zu eskalieren. "Wir brauchen Verstärkung", schreit die Polizistin ihren Partner an.

Dieses Szenario sei für ihn der Ausgangspunkt der Serie gewesen, sagt Quirin Berg, der mit seiner Produktionsfirma 4 Blocks für den Pay-TV Sender TNT realisiert hat. "Ich hatte einen Zeitungsartikel gelesen über einige Straßen in Berlin, in die sich die Polizei nur in größerer Besetzung traut. Das fand ich bemerkenswert, weil es eine neue Entwicklung ist, die Sicherheitslage sich anscheinend deutlich verändert hatte. Das hat mich als Thema gereizt."

In sechs Folgen erzählt 4 Blocks vordergründig eine klassische Mafiageschichte: Es geht um Rivalitäten zwischen Ali "Toni" Hamady und seinem jüngeren Bruder Abbas (Veysel Gelin), um einen deutschen Freund des Clans (Frederick Lau), der nach zehn Jahren als Polizeispitzel Rache nehmen will, um die Sehnsucht, aus der Kriminalität auszusteigen, und letztlich um die tödliche Loyalität zur Familie. Mehr noch aber ist es eine Geschichte über Integration, Gentrifizierung und die Verdrängungskämpfe in einem Berliner Stadtteil, der die am schnellsten steigenden Mietpreise in ganz Deutschland verzeichnet. Es ist eine feine Ironie des Drehbuchs, dass sich der Gangster Hamady ausgerechnet als Immobilienhändler eine legale Existenz aufbauen möchte.

Hommage an Tony Soprano

Das Buch zu 4 Blocks stammt von dem Autorentrio Richard Kropf, Bob Konrad und Hanno Hackfort. Allein, dass sie ihre Hauptfigur Toni genannt haben – nach Tony Soprano, dem Paten aller Serien-Mafiosi – offenbart ihre hohen Ansprüche an die Geschichte. War ihnen von Anfang an klar, dass sie sich mit der Ausleuchtung einer kriminellen arabischen Gruppe an ein absolutes Reizthema gewagt haben? "Nein. Als wir mit der Entwicklung der Serie anfingen, war das ein unbelastetes Thema", sagt Bob Konrad. "Wir wollten nicht über arabische Muslime erzählen, wir hatten eher eine Gangsterstory im Kopf." Dann kam das Jahr 2015, die Debatte um Flüchtlinge, vor allem um kriminelle Flüchtlinge, begann. "Uns wurde rasch klar, dass wir die Geschichte aus der Innensicht des Clans erzählen müssen", sagt Konrad. "Wir haben sie also noch mal durchgekämmt auf Klischees und Vorurteile und haben überlegt: Bleiben sie drin, kommen sie raus oder relativieren wir sie?"

So kam etwa die Szene mit dem Aufenthaltstitel hinein, um die Geschichte der libanesischen Einwanderer dieser Generation zu beschreiben. Als Folge des Bürgerkriegs, der 1975 im Libanon ausbrach, kamen auch nach Deutschland viele Flüchtlinge. Zunächst waren es hauptsächlich Schiiten aus dem Armutsgürtel um Beirut, die von den christlichen Milizen vertrieben worden waren. "Diese Menschen sind zum Teil seit 40 Jahren in Deutschland, haben aber immer noch einen befristeten Aufenthaltsstatus. Das heißt, sie können kein eigenes Geschäft aufmachen", sagt Konrad. Für die Kinder der Asylbewerber galt damals keine Schulpflicht – was vor allem in Berlin-Neukölln zahlreiche Schulabbrüche zur Folge hatte.

"Kein pädagogisches Erklärfernsehen"

"Unser Hauptdarsteller Kida Ramadan war ein großes Geschenk für die Serie, weil er selbst als Kind libanesischer Einwanderer in dieser Gegend aufgewachsen ist, aus dem 'Auge des Orkans' kommt", sagt der Produzent Quirin Berg. "Das hat uns Türen geöffnet. Wir konnten mit vielen Leuten in Neukölln sprechen, viele Geschichten hören, viele Orte sehen. Es war der Schlüssel zu der Tonalität, die die Serie hat." 

Die Sogwirkung von 4 Blocks ergibt sich vor allem aus dem Zusammenspiel von Musik und Sprache. Tonis Brüder Abbas und Latif werden von zwei bekannten Rappern, Veysel Gelin und Massiv, gespielt, die auch Teile des Soundtracks gestalten. Gelin saß dreieinhalb Jahre im Gefängnis wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Man kann sich in etwa vorstellen, wie das Casting bei einem öffentlich-rechtlichen Sender verlaufen wäre. Bei den Dreharbeiten waren die Schauspieler oft die letzte Instanz, wenn es um die Glaubwürdigkeit der Dialoge ging. Etwa, dass man bei Drogen niemals von "Dope" sprechen würde, sondern von "Material".

Es sei nicht leicht gewesen, die Clan-Mitglieder realistisch zu porträtieren, ohne sie zu verharmlosen oder zu glorifizieren, sagt Hanno Hackfort. "Wir mussten dafür sorgen, dass es eine ausgewogene Erzählung wird und kein pädagogisches Erklärfernsehen. Das war nicht immer leicht."

Die Hackordnung im Kiez ist gnadenlos

Kampf um die Vormachtstellung im Clan: Toni Hamady (l.) und sein jüngerer Bruder Abbas (Veysel Gelin) © TM & © Turner Entertainment Networks, Inc. A Time Warner Company / Foto: Hans Starck

Den Drehbuchautoren ist ein angenehm klischeefreier Blick auf Neukölln gelungen, einen Ort, der eben nicht die beschriene Verbrechensmeile ist, sondern ein Stadtteil, der sich in den vergangenen zehn Jahren so fundamental gewandelt hat wie kein anderer in Westberlin. "Die Geschichte musste unbedingt im Sommer spielen, um die Hitze des Straßenlebens zu transportieren", sagt Richard Kropf. "Ähnlich wie in Spike Lees Do the Right Thing."

Unter dem Brennglas erkennt man die gnadenlose Hackordnung innerhalb einer multiethnischen Gesellschaft. Man sieht die afrikanischen Drogenverkäufer im Görlitzer Park, die von den halbwüchsigen Nachwuchs-Dealern des Clans herumkommandiert werden, man hört Ali Hamady schimpfen: "Diese neuen Asylanten bekommen viel mehr als wir!" Und der bärtige Hipster aus Nordeuropa, der gerade seine Eckkneipe eröffnet hat, wird von den libanesischen Geldeintreibern angeherrscht, er solle in Deutschland gefälligst deutsch sprechen.

"Wir sind keine Brüder"

Die Rangfolge zwischen den einzelnen Gruppen, aber auch innerhalb einer Gruppe, ist für das Leben der Protagonisten von existenzieller Bedeutung. In einer großartigen Szene hat Toni Hamady ein Treffen mit dem konkurrierenden libanesischen Clan auf dem Dach eines Büroturms am Potsdamer Platz arrangiert, im Hintergrund leuchtet die gelbe Fassade der Philharmonie. Er braucht Nachschub, weil die Polizei seine Koksladung kassiert hat. "Ich müsst uns helfen, wir sind doch Brüder", appelliert Hamady an sein Gegenüber. "Wir sind keine Brüder", schnauzt ihn der Gesandte des anderen Clans an. "Unsere Familie hat damals den Bürgermeister von Beirut gestellt, ihr habt Ziegen gehütet."

Die Loser sind immer die anderen, jeder teilt nach unten aus. Ein Schwächerer lässt sich immer finden. Der Fixer etwa, der den neuen Stoff gratis zum Ausprobieren bekommt und dabei draufgeht. Mitleid kann sich niemand leisten in diesem System. Die einzige Währung, die Respekt verschafft, ist Geld. Und das bekommt man nur durch den Einsatz von Gewalt. 

Nimm dir den Strick

Gewalttätig geht es natürlich auch zu in 4 Blocks und man muss hoffen, dass sich die Serie im weiteren Verlauf nicht davon beherrschen lässt. Denn die Szenen, die im Gedächtnis bleiben, sind solche, in denen nicht gebrüllt und nicht geprügelt wird, in denen die Gewalt aber um so spürbarer ist. Wenn Toni Hamady etwa nach einer Nacht im Gefängnis in seiner seidenen Pyjamahose auf der Metallpritsche aufwacht und sein Blick auf die offene Tür fällt. Davor sitzt der Polizist, der ihm bei der Verhaftung ins Ohr gezischt hat, dass er ihn und seine Familie auslöschen wird. Die beiden sehen einander an, dann steht der Polizist auf, der leere Stuhl steht vor der Tür. Das Bild sagt: Nimm dir den Strick, dann ist es endlich vorbei.

Eine große Müdigkeit geht von Toni Hamady aus: Er wird zerrieben von seinem Anspruch, Verantwortung für den Clan zu übernehmen und gleichzeitig ein guter Vater für seine Kleinfamilie zu sein. Kida Ramadan, im Fernsehen vor allem bekannt durch Rollen als mehr oder weniger klischeebelasteter Gangster, kann unter der Regie von Marvin Kren endlich einen vielschichtigen Charakter darstellen. Er zeigt die Zerrissenheit dieses Tonis, seine Wut, seinen Überdruss, aber auch seine Kindlichkeit, seine Liebe, in wenigen, schmalen Gesten. Das ist bemerkenswert, denn 4 Blocks spielt streng genommen alle Standardsituationen eines Gangsterdramas ab: den Zwist mit dem unberechenbaren Bruder, die abgeklärte Businessman-Attitüde, den liebevollen Alltag mit der Ehefrau und der kleinen Tochter und die plötzlich hervorbrechende Brutalität, wenn es um die sogenannte Ehre geht.

Gangster mit Böll-Anekdoten

Es sind die feinen Nuancen, die Tonis Figur so echt erscheinen lassen. Der Bart: gepflegt, aber einen Tick zu lang. Der Anzug: teuer, aber einen Tick zu weit. Die Sprache: gewählt, aber immer noch Straße. Gleichzeitig ist Toni Hamady wahrscheinlich der erste Clan-Chef, der seine kartenspielenden Dealer mit Heinrich Bölls Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral auf die Straße schickt.

4 Blocks ist ein geglücktes Experiment. Der Sechsteiler erfüllt das Credo vieler moderner Serien: The more local, the more global – eine universelle Geschichte an einem ganz spezifischen Ort. Es gibt solche Orte und Geschichten auch in Deutschland, vor unserer Haustür. Bisher haben nur die richtigen Erzähler gefehlt.

"4 Blocks" läuft ab 8. Mai 2017, immer montags um 21 Uhr, auf TNT Serie.