Dafür, dass der Mann gute Chancen hat, Geschichte zu schreiben, sieht Barry Jenkins entspannt aus, wie er da in diesem shabby-schicken Berliner Hinterhofloft seines deutschen Filmverleihs sitzt und sich die Zeit nimmt, Fragen zu beantworten. In gleich acht Kategorien ist er mit seinem Film Moonlight für einen Oscar nominiert – so häufig wie kein schwarzer Künstler zuvor. Nervös? Er lächelt. "Mein Leben symbolisiert Hoffnung", sagt er und meint das ganz wörtlich.

Jenkins wurde 1979 in Liberty City geboren, einem Viertel von Miami, das man getrost als Schwarzen-Ghetto beschreiben kann. Ursprünglich als Modellsiedlung entworfen, wohnten dort zu jener Zeit vor allem Arme und kinderreiche Familien, die oft genug durch Alkohol und Drogen auseinanderbrachen. Wenige Wochen nach Jenkins' Geburt wurde der Schwarze Arthur McDuffie von vier Polizisten totgeschlagen. Die Polizisten wurden freigesprochen, und Liberty City versank in Rassenunruhen, den Miami Riots. 18 Menschen starben, Hunderte wurden verletzt.   

"Das bin ich"

Jenkins' Mutter war wie viele andere in den 1980er Jahren in Vierteln wie Liberty City dem Crack verfallen; der Vater trank und zahlte keinen Unterhalt für die Kinder. Mit drei Jahren zog Jenkins mit zwei seiner älteren Geschwister in die enge Wohnung der Großmutter. "Manchmal hatten wir kein heißes Wasser, manchmal ging das Telefon nicht. Der Junge in Moonlight", sagt er, "bin ich."

Der Film erzählt in drei Abschnitten aus dem Leben eines Schwarzen in Liberty City in den achtziger Jahren: zunächst über den Zehnjährigen, dann aus der Jugend und schließlich aus einer Zeit als junger Mann. Gewalt und Drogen bestimmen den Alltag. Die Mutter ist crackabhängig, der Vater wird nicht einmal erwähnt. "Ich bin dieser Junge. Aber jetzt sitze ich hier, in Berlin, um über meinen Film zu reden, der möglicherweise einen Oscar bekommt."

Wegen Zartheit gehänselt

Er hätte ihn verdient. Moonlight ist alles andere als ein trostloses Sozialdrama, dessen Stil man ungesehen vor Augen zu haben meint. Ganz bewusst hat Jenkins sich gegen den dokumentarischen Stil entschieden, der bei solchen Sujets populär ist. Dennoch lässt er seinen Protagonisten gleich mehrmals direkt in die Kamera blicken. Kein Zuschauer kann sich hier noch vormachen, er sei ein unbeteiligter oder gar neutraler Beobachter. "Cinematografischer Naturalismus soll Authentizität suggerieren, dabei ist er künstlich", sagt Jenkins. Er hat lieber einen kunstvollen Film gemacht, in dem seine Arbeit als Filmemacher klar zu erkennen ist: in der sehr hellen Lichtsetzung, in der Kameraführung (von James Laxton), im Soundtrack, der nicht zögert zu einem Rudel kickender Kinder Mozarts Laudate Dominum zu spielen, und in der Struktur.

Die drei Lebensabschnitte werden jeweils mit Schwarzblenden eingeführt und mit dem Namen, den der Protagonist während der jeweiligen Episode trägt: als Kind "Little", weil ihn alle so sehen; dann "Chiron", seinen tatsächlichen Vornamen, und schließlich "Black", den Namen, den er sich irgendwann selbst gibt. Diese Abschnitte verweisen unmittelbar darauf, dass der Film auf einem Theaterstück basiert, auf In Moonlight Black Boys Look Blue von Tarell Alvin McCraney, der wie Jenkins in Liberty City aufwuchs. Und natürlich darauf, dass es hier um ein Ich geht, das sich noch nicht gefunden hat.

Die uralte Suche nach der eigenen Identität erzählt Moonlight anhand einer Liebesgeschichte. Chiron ist schwul. Als Kind wird er wegen seiner Zartheit gehänselt, später auch zusammengeschlagen. Er ist ein Außenseiter, der nur einen Freund hat, Kevin. Der wird seine erste Liebe werden und wenig später Chiron bitter verraten. Doch es gibt ein Wiedersehen.