An der Ampel begegnen sich Clare (Teresa Palmer) und Andi (Max Riemelt) zum ersten Mal. Es ist Sommer, vielleicht Frühherbst, die perfekte Zeit für eine junge Backpackertouristin, um mit der Kamera durch Berlin-Kreuzberg zu streunen. Die Australierin Clare schaut Dias auf dem Flohmarkt an, einen Klimt-Bildband im Antiquariat. Dann steht Andi plötzlich neben ihr, ein sympathischer Kerl Mitte dreißig, Ostberliner, Cordfelljacke. Später wird man sich fragen, wie versehentlich er die Bücher an der Ampel wirklich fallen ließ.

"People who travel alone are usually in search of something", geht er gleich in die Offensive. Sie interessiere sich für DDR-Architektur, bejaht Clare, eine schüchterne Mittzwanzigerin, lange Haare, Jeansjacke. DDR-Architektur: Vielleicht ein erster Hinweis auf die folgende Handlung, doch an diesem Abend gehen Clare und Andi erst einmal getrennt nach Hause. Ein weiterer Hint folgt, als Clare am nächsten Tag erneut das Antiquariat aufsucht. Dort sitzt Andi, vertieft über eben jenem Bildband, in dem Clare tags zuvor noch blätterte. Als er Klimts berühmtes Bildnis der 26-jährigen Adele Bloch-Bauer aufschlägt, findet Clare die merkwürdige Handhaltung der Dargestellten "deformiert" – nicht ahnend, dass ihre eigene Hand ein paar Tage später deformiert, weil zerfleischt sein wird.

In ihrem dritten Langspielfilm Berlin Syndrome inszeniert die australische Regisseurin Cate Shortland die Horrorvorstellung einer jeden Frau, die mit einem anziehenden Unbekannten nach Hause geht. Nach der ersten gemeinsamen Nacht findet sich Clare eingeschlossen in Andis Wohnung zurück: ein bürgerliches Zweizimmerappartement mit Baselitz-Bildbänden im Regal, hübsch eingerichtet, ruhig gelegen. Clare nimmt es zunächst gelassen, lässt es als vermeintliches Versehen durchgehen und verbringt eine weitere Nacht mit Andi. Erst als sich das Szenario am nächsten Tag wiederholt, gerät sie in Panik. Die Fenster: aus Sicherheitsglas. Die Nachbarschaft: verlassen. Ihre SIM-Karte: verschwunden.

"How did you choose me?"

Nun gibt es zwei Möglichkeiten für den Plot: entweder, das Opfer entkommt, oder das Opfer entkommt nicht. Entscheidend ist also weniger das Ende als vielmehr der Weg dorthin. Cate Shortland hat sich für die nur schwer erträgliche Variante entschieden, für die mit Blut und Haarbüscheln, einem Schraubenzieher, einer Brechstange, einer Axt. Beinahe zwei Stunden lässt sie sich Zeit, um diese Geschichte einer Gefangenschaft zu erzählen, in der es um Macht, Missbrauch, Kontrolle und letztendlich, ja, auch irgendwie um Liebe geht.  

Denn für Andi ist diese Frau, die er fortan mit Kabelbindern ans Bett fesselt und in seiner Wohnung gefangen hält, tatsächlich eine Art Partnerin. Seinem Vater erzählt er, er habe jemanden kennengelernt, seinen Kollegen sagt er ab, weil er ein Date habe. Zu Hause angekommen, inszeniert er die Normalität eines Pärchenalltags: Blumen, Dinner, Geschenke. Dass sich Clare dann in devoten Posen von ihm fotografieren lassen muss, ist Teil seines Spiels. Immer mehr Spuren der Misshandlung sind auf diesen Porno-Polaroids zu sehen – und so unheimlich das ist, so dankbar ist man auch darüber, diesen Teil der Erzählung nur über Fotografien vermittelt zu bekommen.

Der interessanteste Aspekt an Berlin Syndrome bleibt, einer jungen Frau dabei zuzusehen, wie sie sich in einer Situation der permanenten Todesangst zu regulieren weiß, Schallplatten hört, liest, Melodien summt gegen die Einsamkeit. Ob ihre zunehmende Hingabe zu Andi echt oder zur Schau gestellt ist, bleibt stets vage. "How did you choose me?", fragt sie ihn einmal, und es klingt beinahe ein wenig stolz.