"Da geht's lang!", sagt Dieter Kosslick über die Wahl des Films Django zur Eröffnung der 67. Berlinale. Und das hat selbst für den Festivalchef, der eigentlich immer ein wenig nach Friedensbotschafter der Vereinten Nationen klingt, etwas von einem Marschbefehl. "Ohne Utopien werden wir diese Welt nicht schaffen!", sagt Kosslick. Der Kommunismus ist seit Längerem tot, dem Kapitalismus geht's auch nur noch so La La Land. Frische Ideen braucht der Mensch also und ungewohnte Perspektiven, die ihn die Folgen von Kolonialismus, Fremdenhass, Homophobie und Frauenfeindlichkeit erkennen lassen. An die Stelle der großen Ratlosigkeit soll eine neue Verheißung treten, um uns zu verzaubern und zu zeigen, wie der Planet besser und gerechter werden kann. Gut also, dass wieder Berlinale ist.

Prima auch, dass sie sich in diesem Jahr wieder mehr als 330.000 Menschen anschauen werden. Sie stehen in langen Schlangen für Tickets an oder klicken im richtigen Sekundenbruchteil, sobald die Kontingente freigegeben sind, online auf den Bestellknopf, weil sie sehen wollen, was Kosslick und seine Co-Kuratoren an hoffentlich eindringlichen Bildern zur aktuellen politischen Situation ausgesucht haben. Auf der ersten Pressekonferenz der internationalen Wettbewerbsjury betont die tunesische Produzentin Dora Bouchoucha Fourati, die im vergangenen Jahr den Silbernen-Bären-Preisträger Hedis Hochzeit finanziert hatte: Immerhin zeichne sich die Berlinale unter den weltgrößten Festivals dadurch aus, "im besonderen Maße politisch" zu sein. Ihr mexikanischer Jurykollege, der Schauspieler und Regisseur Diego Luna, schlägt dazu noch den ein kleines bisschen wohlfeilen Bogen vom Festival zur Stadt, indem er sagt, er sei auch deshalb in Berlin, um zu lernen, wie man eine Mauer niederreiße.

Trotzdem vermutet nicht nur Dieter Kosslick zu Recht, dass die 330.000 Berlinale-Besucher bei dieser Weltrettung auch Spaß haben wollen. Ein Film über Django Reinhardt ist da eine ziemlich gute Idee.

Der Gitarrist wurde 1910 in Belgien geboren und wuchs ein bisschen überall auf, bevor sich seine Familie schließlich in Paris niederließ. Dort perfektionierte Reinhardt zunächst sein Banjospiel und revolutionierte später, nach einer schweren Verbrennung seiner linken Hand, das Gitarrenspiel. Er spielte fortan das Griffbrett eher vertikal als horizontal und nutzte Oktavdoppelgriffe, während die rechte Hand Töne benachbarter Saiten gleichzeitig anschlug und rasante Tremoli pickte. Das hat seine Musik so mitreißend und bis heute unverkennbar gemacht. Reinhardt war aber auch Zigeuner, Sinti sagt man inzwischen, doch die Bezeichnung ändert nichts daran, dass sie in etlichen Ländern bis heute verfolgt werden.

Als der Film einsetzt, 1943, hat Reinhardt sich in Paris bereits großen Ruhm erspielt. Auf der Bühne, in seiner Gitarrenmusik geht er ganz auf und kann die Welt um sich herum vergessen. Doch diese Welt vergisst ihn nicht. Die Deutschen haben Frankreich besetzt und jetzt wollen ein paar Nazis, dass Reinhardt auf eine Tournee nach Deutschland kommt, damit er "der Affenmusik der Neger aus Amerika" etwas entgegensetze. Und Reinhardt, der bis dahin versucht hat, das, was so naheliegt, zu verdrängen – dass die NS-Schergen Sinti deportieren, sie in Konzentrationslagern misshandeln oder gleich töten –, muss eine Entscheidung treffen.

Blind für die Welt

Étienne Comar, der Regisseur des Films, ist schon lange im Filmgeschäft. Er hat etliche Filme produziert (darunter Timbuktu, der 2014 in Cannes und mit mehreren Césars ausgezeichnet wurde) und Drehbücher geschrieben wie das zu dem französischen Erfolg Mein Ein, mein Alles (der ein Jahr später wieder in Cannes ausgezeichnet wurde). Django ist jedoch der erste Film, bei dem er nun auch selbst Regie führte.

Zur Premiere seines Films in Berlin sagt Comar, er kenne aus eigener Erfahrung das Gefühl, sich völlig in die Musik zu versenken, nichts mehr von der Außenwelt wahrzunehmen. Dieses Thema, die Blindheit des Künstlers in komplizierten Zeiten, habe ihn gereizt. Indem er seinen Django zwingt, sich mit den Nazis und ihrem Treiben auseinanderzusetzen, bringt er auch die Frage auf, inwiefern Kunst in solchen Zeiten dazu dienen kann, das eigenen Leben oder das der Familie zu retten, womöglich sogar das weiterer Menschen. Welchen Wert hat die Kunst? Eine entscheidende Szene ist dann gegen Ende des Films auch jene, in der Django Reinhardt ein Konzert für Nazioffiziere geben soll – unter deren Drangsalierungen und irrwitzigen Vorgaben: keine Synkopierungen, keine Improvisationen, keine Soli. Soll er das mit sich und seiner Musik machen lassen, wenn es womöglich lebensrettend ist? Wie Reda Kateb das dann schließlich spielt, widerwillig, aber nicht selbstmörderisch widerwillig, und sich dann doch noch von seiner Leidenschaft mitreißen lässt und synkopiert und improvisiert, was der Gipsy-Jazz so hergibt, bis selbst die Nazis tanzen wie hölzerne Puppen, das ist schon gleich zu Beginn des Festivals gutes Kino.